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Montag 29.10.2012 17:00 - 17:30
ÜBER DIE SENDUNG
LEVIATHAN / AGE IS / ARRAIANOS
3. Viennale-Sondersendung
Wir berichten über den Dokumentarfilm LEVIATHAN (siehe unten) der Anthropologin Véréna Paravel und des Anthropologen Lucien Castaing-Taylor. Dieser zeigt unkommentiert und in einer 'natürlichen' Rauheit die Arbeit auf einem Fischerboot an vor Ostküste der USA, zeigt, mal unter Wasser, mal hoch in der Luft über dem Fischerboot, das Meer und das Boot, die Fische und die Menschen.
Weiters: Der Film AGE IS von Stephen Dwoskin und ARRAIANOS von Eloy Enciso Cachafeiro.
Den Hurchtipp des Tages (O som ao redor. Zu sehen am Di, 30. Okt. 2012 - 20:30 im Gartenbaukino.) gibt es hier.
LEVIATHAN (Véréna Paravel/Lucien Castaing-Taylor)
Eine raue See und harte Arbeit sind in fast schon abstrakten, aber jedenfalls genauso rauen, groben Bildern zu sehen. Der Film der Anthropologin Véréna Paravel und des Anthropologen Lucien Castaing-Taylor beginnt im hohen Seegang und im Dunklen der Nacht – eigentlich etwas ‚natürliches’, und doch scheint es, als seien die Bilder des Filmes nicht von dieser Welt. Das Einziehen der metallenen Ketten der Netze wirkt so, als würde der kleine, unbedeutende Mensch gerade einem gigantischen Drachen jenen Dolch aus dem Fleische ziehen, den er gerade chancen- und völlig vergebungslos ihm ins Fleisch gestoßen hat. Doch von einem Kampf oder so etwas kann nicht wirklich gesprochen werden, zu stark erscheinen die Mächte des Meeres, der Wetters, der Natur.
Wir bekommen das Einziehen der Netze zu sehen, das Öffnen derer und die noch zappelnden Fisch. Die mächtigen Maschinen und Seilwinden, die in der Dunkelheit und Einsamkeit der Nacht und des Meeres fast schon so unheimlich wie die See erscheinen – und doch der hohen See gegenüber in ihrer Winzigkeit unbedeutend sind.
Wir tauchen unter Wasser, sehen das reißerische Wasser, die Strömungen und Strudel, die uns noch weiter vergessen lassen, dass das eigentlich ein Film ist und wir durch’s Sehen und Hören so stark berührt, ja ergriffen werden, obwohl wir doch in einem staubtrockenen Kinosaal sitzen.
Das Fischen – ja, es mag ein industrielles Fischen sein – bei Nacht und nun dann auch bei Tag ist aber so wie es ist. Soll heißen: Es geht nicht um einen Fingerzeig, um große ökonomische, ökologische oder moralische Fragen. Es geht um das, was einfach ist. Um diesen, ja, für den Menschen scheint es doch so etwas wie eine Art, Kampf zu sein.
Das Brummen des Maschinenraumes wirkt kämpferisch und doch lächerlich gegen das Rauschen des Meeres. Das Schiff scheint ja doch nur eine kleine ‚Insel’ im großen Ozean zu sein. Das erste Auslösen der Fische auf dem Fischerboot könnte in dem vielen Fließen von Blut als Ausschlachten gesehen werden und doch wirkt es nur menschlich, wie der Mensch dem Meer, der Nacht, dem Wetter so oder so unterlegen ist.
Die weißen, möwenartigen Vögel in der Nacht, die das Schiff in Wasser und in Luft umringen, die Fische und Meerestiere, die tot mit dem das Deck umspülende Wasser im Rhythmus der Wellen hin und her geschwemmt werden, der Bug des Schiffes, der schnaubend sich durch die See kämpft, die Seesterne und Muscheln, die unter Wasser strudelartig durch die Netze aufgewirbelt werden – all das und noch viel mehr beeindrucken und mensch begreift; so viel Bewegung kann Film sein!
Doch nicht nur die ‚Natur’ und das Schiff an sich wirken weltfremd, sondern auch die darauf arbeitenden Menschen. Es sind kräftige Gestalten, mal gezeichnet von Narben, Schnittwunden und müden Augen, mal ‚emblemt’ von einem Meerjungfrauen-Tattoo, mal in gelben oder roten Ganzkörperanzügen mit einer Zigarette im Mund des verschmutzten Gesichtes und im Nass der Nacht auf Deck Netze einholend, mal unter Deck muschelartige Meerestier waschend und öffnend, mal sich gegenseitig unverständliches Englisch gegen den Lärm des Meeres und der Maschinen zurufend, mal lange Zeit ganz stumm. Sie wirken einfach nicht von dieser Welt. Nicht von der Welt, die mensch als so sauber, glatt und kantenlos gewohnt ist.
LEVIATHAN ist in seiner Form vielleicht brutal oder gewaltig, ja, fast schon gewalttätig, aber auch alle Fälle von Grund auf ehrlich. Ein echtes Meeresrauschen, ein Meeresrausch eben!
Hinweis:
Das Sensory Ethnography Lab, in dem Lucien Castaing-Taylor tätig ist, ist im Internet zu finden unter sel.fas.harvard.edu.
(Jakob Fessler)
LEVIATHAN / AGE IS / ARRAIANOS
3. Viennale-Sondersendung
Wir berichten über den Dokumentarfilm LEVIATHAN (siehe unten) der Anthropologin Véréna Paravel und des Anthropologen Lucien Castaing-Taylor. Dieser zeigt unkommentiert und in einer 'natürlichen' Rauheit die Arbeit auf einem Fischerboot an vor Ostküste der USA, zeigt, mal unter Wasser, mal hoch in der Luft über dem Fischerboot, das Meer und das Boot, die Fische und die Menschen.
Weiters: Der Film AGE IS von Stephen Dwoskin und ARRAIANOS von Eloy Enciso Cachafeiro.
Den Hurchtipp des Tages (O som ao redor. Zu sehen am Di, 30. Okt. 2012 - 20:30 im Gartenbaukino.) gibt es hier.
LEVIATHAN (Véréna Paravel/Lucien Castaing-Taylor)
Eine raue See und harte Arbeit sind in fast schon abstrakten, aber jedenfalls genauso rauen, groben Bildern zu sehen. Der Film der Anthropologin Véréna Paravel und des Anthropologen Lucien Castaing-Taylor beginnt im hohen Seegang und im Dunklen der Nacht – eigentlich etwas ‚natürliches’, und doch scheint es, als seien die Bilder des Filmes nicht von dieser Welt. Das Einziehen der metallenen Ketten der Netze wirkt so, als würde der kleine, unbedeutende Mensch gerade einem gigantischen Drachen jenen Dolch aus dem Fleische ziehen, den er gerade chancen- und völlig vergebungslos ihm ins Fleisch gestoßen hat. Doch von einem Kampf oder so etwas kann nicht wirklich gesprochen werden, zu stark erscheinen die Mächte des Meeres, der Wetters, der Natur.
Wir bekommen das Einziehen der Netze zu sehen, das Öffnen derer und die noch zappelnden Fisch. Die mächtigen Maschinen und Seilwinden, die in der Dunkelheit und Einsamkeit der Nacht und des Meeres fast schon so unheimlich wie die See erscheinen – und doch der hohen See gegenüber in ihrer Winzigkeit unbedeutend sind.
Wir tauchen unter Wasser, sehen das reißerische Wasser, die Strömungen und Strudel, die uns noch weiter vergessen lassen, dass das eigentlich ein Film ist und wir durch’s Sehen und Hören so stark berührt, ja ergriffen werden, obwohl wir doch in einem staubtrockenen Kinosaal sitzen.
Das Fischen – ja, es mag ein industrielles Fischen sein – bei Nacht und nun dann auch bei Tag ist aber so wie es ist. Soll heißen: Es geht nicht um einen Fingerzeig, um große ökonomische, ökologische oder moralische Fragen. Es geht um das, was einfach ist. Um diesen, ja, für den Menschen scheint es doch so etwas wie eine Art, Kampf zu sein.
Das Brummen des Maschinenraumes wirkt kämpferisch und doch lächerlich gegen das Rauschen des Meeres. Das Schiff scheint ja doch nur eine kleine ‚Insel’ im großen Ozean zu sein. Das erste Auslösen der Fische auf dem Fischerboot könnte in dem vielen Fließen von Blut als Ausschlachten gesehen werden und doch wirkt es nur menschlich, wie der Mensch dem Meer, der Nacht, dem Wetter so oder so unterlegen ist.
Die weißen, möwenartigen Vögel in der Nacht, die das Schiff in Wasser und in Luft umringen, die Fische und Meerestiere, die tot mit dem das Deck umspülende Wasser im Rhythmus der Wellen hin und her geschwemmt werden, der Bug des Schiffes, der schnaubend sich durch die See kämpft, die Seesterne und Muscheln, die unter Wasser strudelartig durch die Netze aufgewirbelt werden – all das und noch viel mehr beeindrucken und mensch begreift; so viel Bewegung kann Film sein!
Doch nicht nur die ‚Natur’ und das Schiff an sich wirken weltfremd, sondern auch die darauf arbeitenden Menschen. Es sind kräftige Gestalten, mal gezeichnet von Narben, Schnittwunden und müden Augen, mal ‚emblemt’ von einem Meerjungfrauen-Tattoo, mal in gelben oder roten Ganzkörperanzügen mit einer Zigarette im Mund des verschmutzten Gesichtes und im Nass der Nacht auf Deck Netze einholend, mal unter Deck muschelartige Meerestier waschend und öffnend, mal sich gegenseitig unverständliches Englisch gegen den Lärm des Meeres und der Maschinen zurufend, mal lange Zeit ganz stumm. Sie wirken einfach nicht von dieser Welt. Nicht von der Welt, die mensch als so sauber, glatt und kantenlos gewohnt ist.
LEVIATHAN ist in seiner Form vielleicht brutal oder gewaltig, ja, fast schon gewalttätig, aber auch alle Fälle von Grund auf ehrlich. Ein echtes Meeresrauschen, ein Meeresrausch eben!
Hinweis:
Das Sensory Ethnography Lab, in dem Lucien Castaing-Taylor tätig ist, ist im Internet zu finden unter sel.fas.harvard.edu.
(Jakob Fessler)
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Dienstag 30.10.2012 17:00 - 17:30
BERBERIAN SOUND STUDIO (mit Interview) / THE DEEP BLUE SEA / UN MONDE SANS FEMMES
4. Viennale-Sondersendung
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