Meine Jazzkiste
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Sendung vom 26.03.2014 23:00:

Anita O‘Day – The Diva on Stage

Folge 63 - Meine Jazzkiste

Anita O‘Day (1919-2006) ist einsame Spitze im zeitgenössischen Jazzgesang, denn diese attraktive, feine und modisch bewusste Dame ist purer Jazz-Swing. Sie gilt als die ausdrucksstärkste weiße Sängerin, die viele ihrer musikalischen Nachkommen wie Chris Conner, June Christy, Peggy Lee, Helen Merrill, etc. direkt oder indirekt beeinflusste. Die als Anita-Belle Colton geborene Halb-Irin (O‘Day) und aus armen Verhältnissen stammende Bar-Sängerin aus Chicago bleibt nach wie vor ein markanter Meilenstein an der Straße des Jazzgesangs, und ihr einzigartiger Stil ist sehr einflussreich gewesen. Geboren mit einem kleinen körperlichen Defekt im Sprachbereich (das Fehlen eines Gaumenzäpfchens) ist ihre raue, vibratolose Stimme unverkennbar einzigartig. Das Timbre ihrer Stimme erinnert leicht an Billie Holiday und mit Lady Day teilt sie den Ton abgefeimter Kindlichkeit und eine Atmosphäre nie ganz ungefährdeter Sentimentalität und Sensibilität. Im Wesentlichen autodidaktisch als Tänzerin, Sängerin und Entertainerin ausgebildet, sang sie seit ihrer frühesten Kindheit in Kneipen und Honky-Tonks bevor sie von dem Schlagwerker Gene Krupa entdeckt wurde und im weißen Swing-Orchester von Stan Kenton 1944/45 mitwirkte. In den 50er und frühen 60er Jahren nahm sie einige hervorragende Platten für die Plattenfirma Verve auf, die ihren Karrierehöhepunkt markierten. Ihr Gesangstil ist tradiert im Jazz-Swing, wenn sie auch später Elemente des Bebop bzw. Cool Jazz in ihren Stil erfolgreich integrierte. Auf der Bühne trat sie ausgesprochen selbstbewusst feminin und extravertiert auf, was sich unter anderem in ihrem auffälligen und eleganten Bekleidungsstil äußerte. Statt des Rüschenkleids verlangte sie Gleichberechtigung als Dame. Auch ihre Vorliebe für große und gelegentlich verrückte Modehütte war ebenso legendär wie ihr komisches und tänzerisches Talent auf der Bühne. Sie hat außerdem ein fantastisches Gespür fürs Timing, und sie kann wirklich schnelle Tempi singen und doch im Takt bleiben. Sie ist rhythmisch unglaublich abenteuerlich und herrlich im Improvisieren. Ihr Gefühl für Rhythmus – etwa wie sie brillant mit ihrem langjährigen Schlagzeuger Jimmy Poole dialogisiert – macht sie einzigartig. Ihre Gesangskunst zeichnete sich durch ein hohes Maß an Phantasie, Ironie und Spontaneität aus. Ebenso ist ihre gelassene und launische Interpretation der Jazzballaden aus dem American Songbook wunderbar und einzigartig. Die Texte, d.h. die Lyrics ihres Liedrepertoires sind ihr ebenso wichtig wie die musikalische Botschaft, denn die Worte erhalten bei Antia O‘Day gleichfalls ihre eigene Melodie und Färbung. Was Anita sagt, betrifft nicht nur Inhalt und Geschichte der Lyrics, sondern auch die Arrangements erzählen Sub-Geschichten. Die tatsächlich durch zahlreiche Drogenkrisen gegangene Vokalistin, die etwas witzige Chanson- und Kabarett-Attitüden in ihren Vortrag bringt, und doch stets eine Meisterin des Jazzgesangs bleibt, definiert sich selber als sog. Song Stylist und erklärt, mehr von Instrumentalisten (Charlie Parker, Buddy De Franco, Gene Krupa) beeinflusst worden zu sein als von Vokalisten. Anita O‘Day hatte den Rummel in den 40er Jahren überlebt, die Jazz-Boheme der 50er Jahre überstanden und wäre 1969 fast an einer Überdosis Heroin gestorben. Doch die rüstige Frau, die Unzerstörbare, trat mit ihrem Trio in winzigen Klubs und bescheidenen Nachtlokalen auf. Ihr kapriziöser Lebenswandel, Affairen und Allüren brachten sie um seriöse Anerkennung. In die Jazzgeschichte ging ihr Auftritt beim Newport Jazzfestival 1958 ein, verewigt im wunderbaren Dokumentarfilm JAZZ ON A SUMMER‘S DAY (1960) von Bert Stern. Im Gegensatz zur jung verstorbenen Dinah Washington oder der tragischen Billie Holiday oder der vorbildlichen Leitfigur Ella Fitzgerald, geriet Anita O‘Day beizeiten in Vergessenheit. Als ihre berührende Autobiographie in Buchform High Times, Hard Times (1981) erschien feierte sie ein kurzlebiges Comeback in den USA und Japan. In Österreich ist sie niemals aufgetreten. Musikbeispiele: Sing, Sing, Sing (Louis Prima/Bennie Goodman/arr. Russ Garcia), rec. 1958; What‘s Your Story, Morning Glory (Williams/Lawrence/arr. Russ Garcia), rec. 1958; You Came A Long Way From St. Louis (Bob Russell/J.B. Brooks), rec. 1961; Angel Eyes (Matt Dennis/Earl Brent), rec. 1960; The Ballad Of All The Sad Young Men (Thomas Wolf/Fran Landesman), rec. 1961, mit Phil Woods (as), Gary McFarland (arr.); Mad About The Boy (Noel Coward), rec. 1960; Taking A Chance On Love (Vernon Duke/Fetter/Latouche), rec. 1957; Them There Eyes (Tracy/Tauber/Punkard), rec. 1957; Señor Blues (Horace Silver) featuring Phil Woods (as), rec. 1961; Peanut Vendor/El Manisero (Simmons/Sunshine/Gilbert/arr. Russ Garcia), rec. 1961; Hershey Bar (Johnny Mandel/arr. Jimmy Giuffre) scat, rec. 1958; The Way You Look Tonight (Jerome Kern/Dorothy Fields/arr. Giuffre), rec. 1959; Whisper Not (Benny Golson/Leonard Feather) mit The Three Sounds, rec. 1962; Mr. Sandman (Pat Ballard), rec. 1962; I Hear Music (Burton Lane/Frank Loesser), rec. live Mongo‘s/Tokio 1976