Prof. Hannes Werthner (TU Wien), Gründungsfigur des Wiener Manifests für digitalen Humanismus, spricht mit Thomas Heindl über die ideologische Gegenströmung aus dem Silicon Valley – den Accelerationismus rund um Sam Altman, Peter Thiel und Nick Land – und die Frage: Wer entscheidet, was menschlich bleibt?
„Nothing human makes it out of the near future" – so der britische Philosoph Nick Land. Sam Altman, Gründer von OpenAI, hat es 2017 in seinem Blog-Text „The Merge" auf den Punkt gebracht: Wir würden „die erste Spezies sein, die ihre eigenen Nachkommen entwirft." In den Machtzentren des Silicon Valley – laut Schätzungen von Jaron Lanier rund 2.000 bis 3.000 Personen weltweit – wird eine Philosophie vertreten, die den Menschen in seiner heutigen Form als evolutionäres Zwischenstadium betrachtet: der Accelerationismus. Und diese wenigen Menschen sitzen an den Schalthebeln der wertvollsten Unternehmen der Welt.
In der vierten Folge von „Aus der Parallelwelt" trifft KI-Entwickler und Autor Thomas Heindl auf die intellektuelle Speerspitze der Gegenbewegung. Prof. Hannes Werthner, emeritierter Professor der Fakultät für Informatik der TU Wien und deren ehemaliger Dekan, ist die Gründungsfigur des digitalen Humanismus. 2019 initiierte er den Workshop, aus dem das Wiener Manifest für digitalen Humanismus hervorging – die Grundlage einer weltweiten Initiative, die Wien zur internationalen Hauptstadt einer Debatte gemacht hat, in der es um nichts weniger geht als die Frage, wer im 21. Jahrhundert entscheidet, was menschlich bleibt. Sein Buch „Digitaler Humanismus. Über Digitalisierung und künstliche Intelligenz" ist im Picus Verlag erschienen; der von ihm herausgegebene Open-Access-Band „Introduction to Digital Humanism" verzeichnet über 1,2 Millionen Downloads.
Mehr zu dieser Ausgabe: https://interaktionstheorie.org/2026/07/14/digitaler-humanismus/
Gemeinsam erkunden die beiden zunächst, was digitaler Humanismus überhaupt ist: eine interdisziplinäre Bewegung, inspiriert von Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld, deren Kernsatz lautet: „Der Mensch ist keine Maschine, und die Maschine ist kein Mensch." Werthner erzählt vom Wiener Workshop 2019 mit hundert internationalen Forscherinnen, von seinen eigenen Anfängen mit Lochkarten und Endlospapier in den 70er-Jahren, und davon, warum Informatikerinnen die eigentlichen „Architekten der Wirklichkeit" seien – im paradigmatischen Sinn, nicht im physischen.
Dann wird es politisch: Heindl und Werthner analysieren die ideologische Gegenströmung – den evolutionären Accelerationismus rund um Nick Land, Sam Altman, Marc Andreessen und Peter Thiel.
Warum kombinieren diese Männer, meist zwischen vierzig und sechzig, absolute Deregulierungsfantasien mit dem Ruf nach absoluter Überwachung? Wie hängt das mit Palantir zusammen, mit den Circle Investments zwischen den KI-Hyperscalern, und mit einer religiös aufgeladenen Ideologie, die – wie Werthner formuliert – „ökonomisch, politisch und philosophisch-ideologisch im Zentrum" steht? Es geht um die Klimakosten der KI, um Wasser- und Energieverbrauch, und um die Frage, wie ein David gegen einen Goliath dieser Größenordnung überhaupt noch bestehen kann.
Werthners Antwort ist bemerkenswert klar: durch das Primat der Politik, durch Selbstermächtigung, durch das Vertrauen darauf, dass Systeme mit inneren Widersprüchen langfristig nicht stabil sind. Eine Sendung über die vielleicht wichtigste ideologische Auseinandersetzung unserer Zeit – und darüber, warum sie ausgerechnet in Wien geführt wird.
Teil 2 folgt in der nächsten Sendung.

