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Sendung vom 19.11.2016 16:30:

Also sprach Zarathustra Eine „Wahl“ für Alle und Keinen? (F. Nietzsche)

Am 4. Dezember ist es wieder so weit. Österreich macht sich abermals auf, einen Bundespräsidenten zu wählen. Während Vertreter des bürgerlichen Lagers in einem „Manifest“ für die Wahl Alexander Van der Bellens „Unsere gemeinsame „Rot-Weiß-Rote“ Identität“ als „große Errungenschaft“ preisen und „ihr Fundament im Miteinander, nicht im Gegeneinander“ verorten, sucht Hofer nach „„Verbündeten“ in Mittel- und Osteuropa“,…,also Länder mit einer ähnlichen Kultur.“ Dazu holte sich Hofer gestern auch „Schützenhilfe“ aus Tschechien in Person des ehemaligen Präsidenten Vaclav Klaus, welcher gestern bei einem Symposion des FPÖ-Bildungsinstituts sowie des Liberale Klubs im Kursalon Hübner „vor Massenmigration und deren „negativen Konsequenzen für die Zukunft der Gesellschaft“ warnte.(www.orf.at, 19.11.2016)

Aus dem Schatten der US-amerikanischen Wahlen entspinnt sich das 68er-Revival des Wortes „Establishment“ und zeigt in seiner Parole zwei Seiten ein und derselben Medaille: "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment". Dieser Satz könnte glatt aus dem Repertoire Donald Trumps stammen, in seiner geradezu penetranten, pubertierenden Auflehnung gegen die „political correctness“. Gleichzeitig entpuppt sich die Koalition mit Hillary Clintons „Umarmungen“ à la „Gemeinsam sind wir weiß“, denn beide pennen mit den „Gleichen“. Frei nach Nietzsche ist die beste Maske das eigene, weiße Gesicht. Das „Establishment“ spiegelt den Kopf, das „Anti-Establishment“ die Zahl in der Ökonomie der White Supremacy. Die Politiken des Mainstreamings scheinen die Kommunikationräume „gemeinsamer Differenzen“ gelöscht zu haben. Gleichheit zeigt sich als bloße Folierung eines Diskurses ohne Wiederkehr der Selbsterneuerung.
Ohne einen direkten Vergleich zwischen Hofer und Trump, Van der Bellen und Clinton anstellen zu wollen, jagen sie dennoch im Revier der Gleichen. Der beschworene Konflikt „oben“ gegen „unten“ ist bloß ein reaktionäres Ablenkungsmanöver, genauso wie die Anbetung einer gemeinsamen Identität, die es nie gegeben hat. Dabei handelte es sich im gelungenen Fall um Machtkämpfe, welche im Zentrum in einem gewissen Gleichgewicht gehalten werden konnten. Die Gewalt und das Sterben, welches damit einherging und -geht, findet bis heute keinen Einzug in „gemeinsame“ Bilanzen.
Die Sehnsucht nach der Mitte ist groß. Welch Zeiten, als wir in Österreich noch rechte und linke Gehirnhälften zu koordinieren suchten und sich die Mehrheit durch Minderheitenrechte aufzuwerten wusste: Du darfst genießen, Margarine auf Butterbergen. Weder vergeben, noch vergessen. Zum Kinde müssen wir erst kommen.
Oder stehn wir tatsächlich vor einer Revolution, wie sie etwa Slavoj Žižek in einem Gastbeitrag in der „Zeit“ erhofft, wenn er nach der Wahl Donald Trumps „eine völlig neue politische Situation.., in der sich einer radikaleren Linken Chancen eröffnen“ attestiert?( http://www.zeit.de/kultur/2016-11/us-wahl-donald-trump-populismus-linke-slavoj-zizek)
Mit Nietzsche könnte man fragen: Was hat das Kamel davon sich in einen Löwen zu verwandeln, wenn es seine Freiheit (Selbstbestimmung) nicht genießen kann?




Dazu diskutieren:
Gilbert Moyen, Cyril Chima Ozoekwe und Simone Prenner.

Moderation: Sintayehu Tsehay