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Sendung vom 10.03.2018 16:30:

Rond Point Deido und Marché de l’UPN - noch friedliche ...

Rond Point Deido und Marché de l’UPN - noch friedliche Proteste Afrikas südlich der Sahara verspäteter arabischer Frühling


Im Rahmen der EU-AU-Beziehung hat man zunächst im Kontext der EU festgestellt, dass der alten Asymmetrie der Macht zwischen den demokratischen Großparteien, nämlich Sozialdemokratie und Volkspartei, sei es in Deutschland, Österreich oder zuletzt in Italien, der Sprit ausgeht. Der Übergang in einen anderen Status quo scheint eine Doppelbödigkeit zu beinhalten, so, als ob die Legitimierung und Präsenz der neuen Asymmetrie der Macht verblüffend akrobatisch vor sich geht, wie ein subtiles politisches Stück à la “des Kaisers neue Kleider”, so dass sowohl die Machttransition als auch ihr Ausgang sowie der veränderte Zustand wie selbst der beginnende neue Status quo nicht ausdrücklich bemerkbar ist. Während sich im EU-Raum diese gesellschaftliche Umwälzung bzw. Mutation in Richtung eines rechtspopulistischen Status quo zu implementieren beginnt, findet in Afrika eine Analogie dazu statt, indem die durch Wut und Proteste gekennzeichneten Bewegungen gegen den bisherigen nicht-konstitutionellen Herrschafts-Status-Quo ebenfalls das Ende eines politischen Zyklus signalisieren.
Der “arabische Frühling” ist grundsätzlich ein Ausdruck für einen Zusammenprall zwischen den Konsequenzen einer globalisierten Welt einerseits und den geltenden bzw. alten Inhalten des Kontextualitätsraums des Nationalstaats und des damit verbundenen veränderten Demokratieverständnisses andererseits. Er ist dann Ausdruck der unmittelbaren Widersprüche des Freiheiten-Verständnisses, etwa im Sozialen, Wirtschaftlichen, Politischen, und dem Verlangen nach neuen Freiheiten gemäß den veränderten Umständen der “Identitätspolitik” der neuen Machtkonstellation. Es sei, dass sich die Kontinuität der Weltreise des “arabischen Frühlings” in Afrika südlich der Sahara mit Verspätung fortsetzt. Also ein “arabischer Frühling” Afrikas südlich der Sahara Prägung.
Während die Immigration in der nördlichen Hemisphäre als Platzhalter-Argument verwendet wird, ein en vogue Alibi-Argument im 21. Jahrhundert, um die Attraktivität des Austauschs der alten durch neue politische Eliten mit neuer Identitätspolitik, die die bisherige für obsolet erklären, zu kommunizieren, entstehen in verschiedenen Ländern Afrikas südlich der Sahara Bewegungen, die weniger friedlich sind wie jene in der nördlichen Hemisphäre: Betrachtet man nach dem Brexit die Wahlergebnisse in Italien oder den politischen Prozess in den vier Visegrád-Ländern, dann sind ja dem Friedensprojekt Europa (der EU) gegenüber schleppende, heimtückische Revolutionen im Gange, die an die aktuelle Weltkrise andocken: Die USA verabschieden sich aus der Weltmachtrolle und von Europa, China steigt auf, künstliche Intelligenz, Klimawandel und Migration machen aus den Gesellschaften, die wir kannten, neue. All dies kündigt an, dass sich etwas Großes, Grobes und Unsicheres nähert. Die Welt verändert sich radikal und rasant.
Ist die Migration einfach wie o.e. ein stellvertretendes Argument, eine konvertierbare Münze, für eine neue Identitätspolitik der neuen Mehrheiten, bestehend aus der Kohabitation zwischen Rechtspopulismus und Demokratie, oder ist Migration eine treibende Kraft für die Demokratieentwicklung in der Ära rechtspopulistischer Regierungen oder gilt beides?

Afrikanische Prägung der Suche nach neuer Identitätspolitik
Zur Illustration werden zwei Länder in den Fokus genommen, nämlich Kamerun und die Demokratische Republik Kongo (RDC), Länder, die im Prozess ihrer Gesellschaftsdynamik ähnliche Frakturen und gleiche Ziele der Freiheiten wie jene der EU-Bürger aufweisen. Je nachdem ist dabei offene und subtile Gewalt immer im Spiel. Der generationelle Austausch des alten demokratischen Status quo durch einen neuen mittels der sich implementierenden Identitätspolitik der neuen Mehrheiten, repräsentiert durch ihre Eliten, widerspiegelt den lang begonnenen planetären Kurs des arabischen Frühlings, der kausal aus dem Schoß der Globalisierung entstanden ist. Der im EU-Raum vorhandene neue Kurs des Rechtspopulismus in Parteien wie der FPÖ, gegründet von Ex-Nazis für Ex-Nazis, kann intergenerationell am Ende des Tunnels nur “Devastations” hinterlassen und ist im Zusammenhang mit Demokratie ein Paradoxon.
Für den AU-Raum, im Spezifischen in Afrika südlich der Sahara, ist ebenfalls das Ringen um Demokratie eine offene Frage: Willkürlich ausgewählte Plätze, wie der Rond Point Deido (Verteilerkreis) neben einem Markt in Douala/Kamerun und le Marché de l’UPN, einem Markt neben einem Verkehrsknotenpunkt in Kinshasa/RDC, sind nicht bloß Märkte oder Verteilerkreise, sondern Orte des Zusammentreffens und -pralls: Man muss sich hineinversetzen, mitschwimmen, sich mit anderen reiben. Es erfordert einen unermüdlichen Fleiß, der ohne den anderen keiner ist. Es sind Orte der Herausforderung, der Signatur von Geltung, der Partizipation, der Manifestierung der eigenen Präsenz im Prozess eines Ausweg-Suchens und zugleich der Zelebrierung der Geselligkeit, Orte des sublimen Empfindens von ungeselliger Geselligkeit, Orte der permanenten solidarischen Demonstration einer integralen Krise und der gleichzeitigen Suche mit anderen, Fremden, nach einer baldigen “Neugeburt”.
Nach einem monotheistischen Gebet, wie es dort üblich ist, wird an diesen Örtlichkeiten, Deido oder Marché de l’UPN, mehr oder weniger höflich geschimpft oder sich entschuldigt. Man entlastet sich dadurch kommunizierend, um nur einen Millimeter zu avancieren. Ob Lastwagen, Fußgänger, Karrenschieber, Motorräder, Taxis, Pkws, alle sind versammelt als Seinskarneval, um unbewusst den inneren Ballast, Stau, ausstoßen bzw. ablegen zu wollen. Ein tägliches sportliches Anliegen? Ein Ort der Lebendigkeit, um sich daran zu erinnern, dass niemals ein Therapeut notwendig ist, weil durch ständiges Schwitzen, Gerüche der verschiedenen Produkte und Poto-Poto (Schlamm) infolge vorheriger oder aktueller Regengüsse gemäß den Sitten ein endogenes und exogenes Ultrakommunikationsverlangen freigesetzt wird, ein Kreislauf, der dadurch daran erinnert, dass ein bisschen Sterben zum Leben gehört.
Orte der Paradoxa? Dort entsteht ein Verlangen nach mehr Gefühl, dass man sich dort innerlich besser hören kann, dass man sich als Mensch simpel riechen und sehen kann, dass durch den Zusammenprall von Widersprüchen dort Kreativität entstehen kann, dass dort die Wut gegen die etablierte Ordnung besser zu spüren ist, ein Ort des Protests gegen die gesatzte Ordnung und gegen den eigenen Lauf der Dinge im Alltag und dass darüber geschimpft wird. All dies ist aus der Optik des europäischen Menschen selbstverständlich nicht logisch und nachvollziehbar, ein Sumpf, ein selbstgewähltes Chaos.
Der Grund für diese Optik liegt an dem jeweiligen kulturellen Umfeld des Menschen, das ihn formt, einerseits und an den klimatischen und bioatmosphärischen Einflüssen, die zeitsequenzmäßig seine Identität scheinbar fixieren andererseits: Während jeder Mensch den Hang hat, mit seinen endogenen und exogenen Bedürfnissen zu harmonisieren, entsteht für die individuelle Identität und Identitätspolitik des Menschen Afrikas ein stärkerer rhizomatischer Kommunikationshang von innen nach außen. Im Gegensatz bzw. komplementär dazu tendiert die Reise der Kommunikation des Menschen aus der nördlichen Hemisphäre dazu, sich ebenfalls aufgrund seiner kulturellen sowie biosphärischen und klimatischen Einflüsse abzukapseln. Er hat ein Kommunikationsverlangen, das jeden dritten oder vierten zwingt, einen Therapeuten einzuschalten, um leicht mit seiner Innenwelt bzw. seiner “Brust” zu kommunizieren. Der Beton, dicke Mäntel, etc., etc. sind äußerliche Merkmale für den Schutz- und Isolationskurs der Identität.
Obwohl die Gegebenheiten am Deido, dem Verteilerkreis neben dem Markt in Kamerun und im Marché de l’UPN in Kinshasa/Kongo miteinander korrespondieren als jeweils friedliche Protestzustände, dass sie eine Gesetzlichkeit der Lebendigkeit beinhalten und ein Ausdruck der Dekadenz für die anderen sind, so ist das nicht zu verharmlosen: Denn beide beinhalten jeweils in ihrer Tiefe eine schwelende Explosion, die sich schnell in einen Gewaltausbruch umwandeln kann. All dies dokumentiert, dass in Afrika südlich der Sahara, vor allem in Kamerun wie in der RDC, die Hand, die plötzlich eine Veränderung bringen würde, ähnlich wie in Libyen mit Gaddafi, das Land zugleich in ein großes Chaos stürzen würde, das geopolitisch andere umgebende Länder in Mitleidenschaft ziehen würde.

1. Die Frage ist, ob die UNO zurzeit zu einer wirklichen multilateralen Lösung beitragen kann, wenn die Bevölkerung dazu noch nicht bereit ist? Und was bedeutet „bereit sein“?

2. Wenn sich z.B. die Existenz von Boko Haram in Nigeria als Ausdruck innergesellschaftlicher Widersprüche à la IS zwischen Sunniten und Schiiten zu etablieren beginnt, plus dem westlichen Einfluss, dann stellt sich die Frage, ob militärische Kräfte ein geeignetes Mittel für den Austausch der gegenwärtigen Eliten sind?

3. Ist die Identitätspolitik der Allianz zwischen Rechtspopulismus und Burschenschaften, wie im Fall Österreichs, typisch für die Demokratie westlicher Prägung?

4. Geht man davon aus, dass die Identitätspolitik der Homogen, wie sie sich in der Kontextualität des Nationalstaats am Beispiel von Brexit, Italien, Visegrád-Staaten herauskristallisiert, ein Paradoxon zum universalistischen Vergesellschaftungs- und Vergemeinschaftungsansatz ist, so stellt sich die Frage, auf welcher Seite dann ein neutrales Österreich in der EU steht und welche Chancen die EU in diesem Zusammenhang noch hat?
Di-Tutu Bukasa