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Sendung vom 31.03.2018 16:30:

Die Fußwaschung

Donnerstagnachmittag dieser Woche fuhr Papst Franziskus in das römische Stadtgefängnis Regina Coeli, um dort den Abendmahlsgottesdienst am Gründonnerstag zu feiern. Bei dem dazu gehörenden Ritus der Fußwaschung wusch der Papst zwölf Häftlingen die Füße, welche aus Italien, von den Philippinen, aus Marokko, Moldawien, Kolumbien, Nigeria und Sierra Leone stammen. Acht der Männer sind Katholiken, zwei Muslime, einer ist orthodoxer Christ und einer Buddhist. Schon früher als Erzbischof von Buenos Aires feierte er den Gründonnerstagsgottesdienst in einem Gefängnis. Nun setzt er als Papst diese Tradition in Rom fort. (http://www.vaticannews.va/de/papst)

Im Johannes- und Lukasevangelium (Johannes 1, Vers 27 und Lukas 7, Vers 44)

wird auf diese Zeremonie Bezug genommen, wonach Jesus am Abend vor seinem Tod seinen Jüngern die Füße wusch. Petrus war anscheinend entsetzt, als Jesus sich niederbeugte, um eben dies zu tun. Wann immer Gäste zu damaliger Zeit eingeladen waren, wusch der niedrigste zum Haushalt gehörende Sklave oder Diener die Füße der Gäste.

Die christliche Botschaft des einander Dienens und der Teilhabe wird durch die Fußwaschung vermittelt und bringt den Gläubigen wieder in Gemeinschaft mit seinem Herrn.

Der Messianismus, als religiöse und politisch-soziale Heilserwartung, welche ans Ende den Erlöser oder Retter setzt, spannt den Bogen von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie über den Marxismus bis zum Nationalismus.

Im Denken von Jacques Derrida begegnen wir hingegen einem „Messianischen ohne Messianismus“. Sein Begriff des„unbedingten Messianischen“ beschreibt einen im Kommen begriffenen Anderen und mit ihm auch eine andere Gerechtigkeit der bedingungslosen Gastfreundschaft. Das Messianische setzt sich der absoluten Überraschung aus. Diese Aussetzung […] muss […] sowohl das Beste als auch das Schlimmste erwarten […]. (Derrida: Glaube und Wissen, 32.) Dabei geht es um ein „nicht-utopisches“ Denken – wie man mit Michel Foucault sagen könnte –, um ein „heterotopisches“ Denken im Sinne einer wirklichen Möglichkeit und nicht im Sinne einer möglichen Wirklichkeit. So beschreibt Emmanuel Lévinas in seiner unbedingten Ethik des Anderen, wie der Andere die Routinen der Alltagswelt unterbricht und sie für das Unvorhersehbare öffnet. An dieser einen und punktuellen Begegnung entscheidet sich, so Lévinas, die Humanität der ganzen Menschheit.

Dementsprechend erfordert die „absolute Gastfreundschaft“ nach Derrida, „dass ich mein Zuhause […] öffne und [den] […] unbekannten, anonymen absolut Anderen […] kommen lasse, ihn ankommen […] lasse, ohne von ihm eine Gegenseitigkeit zu verlangen.“ (Derrida: Von der Gastfreundschaft, 27.) Der Fremde, dessen Kommen ein unvorhersehbares Ereignis ist, kann als Gast immer beides sein: der freundlich und der feindlich gesonnene Unbekannte. Die Gabe der Gastfreundschaft besteht gerade im Verzicht auf Gegenseitigkeit und Vorhersehbarkeit und im Bewahren der eigenen Verletzlichkeit.



Wie das Ö1 Mittagsjournal gestern berichtete, wurde die am selben Tag geplante Vorstellung von „Welt in Bewegung“ im Weltmuseum in Wien kurzfristig abgesagt. Man möchte die Stückfassung und den Hintergrund noch einmal prüfen, nachdem Kritik laut geworden war.

Geschrieben hat das Stück „Welt in Bewegung“ Regisseur und Schauspiellehrer Edmund Emge für ein Zielpublikum von 11- bis 17-jährigen Schüler_innen. Die Idee stammt vom früheren Innenminister und aktuellen Nationalratspräsidenten Sobotka (ÖVP), der Kinder und Jugendliche damit gezielt mit dem Thema Flucht konfrontieren wollte. An der Entwicklung des Stücks waren neben dem Innenministerium auch das International Centre for Migration Policy Development (ICMPD) und die Pädagogische Hochschule Niederösterreich beteiligt. „Welt in Bewegung“ wurde bereits mehr als 70-mal kostenlos an Schulen gezeigt.

Der Plot: Zwei Flüchtlinge kommen nach Österreich: Der syrische Künstler Nadim und der arbeitslose „Afrikaner“ Mojo. Nadim hat sich im Bürgerkrieg um einen verletzten Journalisten aus Österreich gekümmert, er flieht vor dem Krieg. Mojo aus „irgendwo in Afrika“ hingegen hat keine Arbeit. Er flieht im Glauben an die Youtube-Videos von Schleppern, die in Europa Willkommensgeld, Wohnung und sogar ein Auto versprechen. Während der Syrer, der nicht nur einen „einwandfreien“ Fluchtgrund vorweisen kann, sondern auch noch gebildet ist und sich vorbildlich integriert, Asyl bekommt, wird der Asylantrag des Wirtschaftsflüchtlings aus Afrika abgelehnt. Mojo, der Wirtschaftsflüchtling, gerät nach abgewiesenem Asylantrag in die Fänge der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Doch die Polizei kann rechtzeitig eingreifen, bevor die von ihm produzierten islamistischen Flugblätter in Umlauf gelangen.

Nachdem das Stück zuletzt heftige Kritik einstecken musste,- so wurde es von der Regisseurin Tina Leisch als plumpe Propaganda tituliert und von Gerhard Ruiss von der IG Autorinnen und Autoren als „eine Agenturleistung und sonst nichts“ bezeichnet- meinte Alexander Marakovits, Sprecher des Innenministeriums, gegenüber Ö1, bei den Vorstellungen seien jeweils Vertreter des Innenministeriums anwesend, die im Anschluss für Diskussionen zur Verfügung stehen. Es handle sich um „Informationsvermittlung“ in „kreativer Art und Weise“, so Marakovits.



Es scheint, als wäre der Andere/ die Andere zur Auslöschung verdammt und müsste selbst aus den verletzlichen Köpfen der Kinder geprügelt werden. Die „kreative Art und Weise“ Menschen zur Währung der eigenen Perversion zu machen, wird staatlich in Auftrag gegeben und pädagogisch legitimiert.

„Zeigt her Eure Füßchen“!

Simone Prenner



Mit unserem heutigen Gast, Sepp Zaunegger, diskutieren Cyril Chima Ozoekwe, Simone Prenner und Sintayehu Tsehay.

Moderation: Di-Tutu Bukasa