ICAP
Zur Übersichtsseite von ICAP.
Sendung vom 07.04.2018 16:30:

Kongo-RDC & Äthiopien ...

Kongo-RDC & Äthiopien
Ausgewählte symptomatische und symbolische Frakturen


I. Einführung
Die aktuellen afrikanischen Nationalstaaten südlich der Sahara sind grundsätzlich, im Sinne eines Staats- und Gesellschaftsprojekts - projet de société -, weitgehend aus dem Schoß der nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten Weltordnung entstanden. Diese Nationalstaaten geraten trotz und mittels der Globalisierung, wie auch anderswo, in große Schwierigkeiten, die Probleme und Anforderungen der eigenen Bevölkerung zu bewältigen. Bei der Suche nach Möglichkeiten und Wegen, wo und wie man in Afrika südlich der Sahara beginnen sollte, um die quasi generalisierte Krise (Massenemigration, Arbeitslosigkeit, fehlendes Gesundheits- und Bildungswesen etc., etc.) in den Griff zu bekommen, ist man oft geneigt zu denken, ob nicht - wie damals für Europa - ein “Marshallplan für Afrika” zu initiieren sei. Man sollte dabei aber nicht vergessen, dass sich Europa in Folge des Zweiten Weltkriegs und der von den Siegermächten gewünschten Weltordnung in einem Schockzustand befand.
Selbstverständlich begann in Europa damals wie heute alles mit “Krisen”. Gesatzte Ordnungen bzw. Demokratien sterben normalerweise nicht durch Putsche oder Revolutionen, sondern durch Wahlen. Ziel war und ist nach wie vor, die “vorhandene Identitätspolitik” der Machthabenden in eine andere zu konvertieren - “Status quo der neuen Mehrheiten” im Sinne der neuen Mainstream-Parteien (Mehrheitenparteien). Anders ausgedrückt wird dadurch immer versucht, Haltegriffe (guardrails) zu implementieren. Begriffe wie das “deutsche Volk”, “Amerika first” oder “Österreicher zuerst” entsprechen “Guardrails-Methoden” der Verunsicherung/Sicherung der Menschen: Um politisches Kapital zu schlagen, werden sie gespalten, indem eine große Zahl von ihnen glaubt, einen Sündenbock und einen “Helden” gefunden zu haben, der für sie politisch-messianisch spricht. “Der Aufstieg der Nazis in Deutschland und Österreich in den 1930er Jahren war das eindrucksvollste Beispiel dafür, wie schnell demokratische Gesellschaften umgedreht und für diktatorische Strömungen empfänglich gemacht werden können. Heute ist es besonders die Flüchtlingskrise, die viele dazu bestimmt, Prinzipien über Bord zu werfen und auf Rechtspopulisten zu hören”, so Barbara Coudenhove-Kalergi (Standard, 29. März 2018).
Um zurück zu unserer afrikanischen Problematik zu kommen und den Unterschied zu Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu nuancieren, so war in Europa das kulturelle und sprachliche Fundament im jeweiligen Nationalstaat mehr oder weniger gegeben und die Grundfrage war nur der Wiederaufbau des “Nationalstaats Europas” (es ging doch um den Wiederaufbau der Europäischen Gemeinschaft). Im Gegensatz zu Europa waren die sprachlichen und kulturellen Faktoren kein Gegenstand der Architekturen der subsaharischen Staaten und sie hatten keine Relevanz für das kollektive self-empowerment. Das Paradoxon zwischen politischer Unabhängigkeit einerseits und kultureller, sprachlicher, administrativer (in Schule und Verwaltung) und ökonomischer Abhängigkeit andererseits ist bis zur heutigen Krise der Migration im globalen Zeitalter ein cold case geblieben.

II. Nationenbildung und ihr Impakt für den sog. Marshall-Plan
Man muss sich zunächst die Frage stellen, ob die Nationenbildung Afrikas Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre als erstes Staats- und Gesellschaftsprojekt, um Frieden und die erworbene Unabhängigkeit zu konsolidieren, ein ausreichendes Fundament für die Zukunft war, wenn Afrikaner während des Kolonialismus und nach der Unabhängigkeit nicht die Kanäle der Kommunikation, wie in Schule, Verwaltung, etc., in sprachlich-kultureller afrikanischer Kontextualität bzw. Form zur Verfügung hatten und nie in dieser Art einfache und komplexe Informationen miteinander kommuniziert haben, um damit ein kollektives Gedächtnis zu bewahren bzw. zu entwickeln.
Zwar konnte durch die absolute Souveränität der afrikanischen Nationalstaaten in den letzten ca. 60 Jahren Frieden und Unabhängigkeit bewahrt werden. Die Menschen konnten zusammenleben, doch die kulturellen, sprachlichen, sozialen und ökonomischen Differenzen konnten dadurch nicht ausgebügelt werden, eben weil sie nie tatsächlich miteinander kommunizieren.
Bloß eine absolute Souveränität des Staates im Kontext der kolonialen Grenzen zu implementieren, um “Frieden” und “Unabhängigkeit” zu konsolidieren, und zwar jenseits der Relevanz kultureller, sozialer und sprachlicher Kohäsion bzw. Nahverhältnisse, und dies heute mit den Parametern des Marshallplans verknüpfen zu wollen, gehört entweder im Zusammenhang mit der Theorie von Staat und Gesellschaft behandelt oder ist eine politische Farce. Sind Krisen von heute konsequente Resultate der Absenz der sprachlichen und kulturellen Nahverhältnisse, so dass es die Menschen seit vielen Jahren nicht geschafft haben, systemisch, schulisch und verwaltungsmäßig einfache und komplexe Informationen zu kommunizieren?

III. RDC & Äthiopien: Zwei entgegengesetzte und sich ergänzende Paradigmen

III.1 Bezogen auf die RDC: Die Kongolesen sind von der Nacktheit (dem Wahrheitsgehalt) der eigenen Fiktionen und Phantasmen über nationale Einheit, Unabhängigkeit, Freiheit und Frieden ertappt worden, sie sind geschockt und wurden aus ihren Illusionen katapultiert. Was übrig bleibt, ist die Frage, wie man die sprachliche und kulturelle Multitude mit einer funktionierenden Staatlichkeit zusammenbringen kann. Kann die sprachliche und kulturelle Diversität Kongos eine inspirierende Ressource sein, ein Modell für eine neue rhizomatische Vergesellschaftung und Vergemeinschaftung dieses Staats werden, oder ist sie ein Handicap für die Entwicklung?

III.2 Bezogen auf Äthiopien: Nach dem überraschenden Rücktritt von Hailemariam Desalegn wurde Dr. Abiye Ahmed von der Regierungskoalition EPRDF (Ethiopian People's Revolutionary Democratic Front) vor einer Woche zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Im Gegensatz zur bisherigen Tradition Äthiopiens stammt er aus der zahlenmäßig größten Volksgruppe der Oromo. Äthiopien wird im Gedächtnis vieler von einer kleinen ethnischen Gruppe, den Tigrinya, regiert, die 6,1 % der Gesamtbevölkerung ausmachen. Die westlichen Medien sehen daher die Wahl von Dr. Abiye Ahmed als einen Sprung zur Demokratisierung der Gesellschaft Äthiopiens. Äthiopien ist wie der Kongo ein sprachlicher und kultureller Vielvölkerstaat, der Ursprung der Menschheit. Im Gegensatz zur Demokratischen Republik Kongo wurde Äthiopien nicht kolonialisiert und hat keine koloniale Erfahrung. Das Land wurde demzufolge nicht wie der Kongo kulturell und sprachlich gebremst, um z.B. Schulen und Verwaltung in Sprachen eigener Kulturalität kommunizierend zu entwickeln. Amharisch ist die von den meisten gesprochene Sprache und die Sprache der Verwaltung. Die Amharen selbst bilden ca. 30 Prozent der Bevölkerung, aber die Macht ist in den Händen der ca. 5 Prozent umfassenden Volksgruppe der Tigrinya konzentriert. Die große Machtfülle dieses ethnisch kleinen Proporzes im Vergleich zu den anderen Bevölkerungsgruppen ist das wirkliche/eigentliche inneräthiopische Paradoxon. Hier gehört pointiert, dass die meisten Tigrinya in Eritrea ihre kulturelle Heimat haben.
Die eigene sprachliche Kulturalität stellt also keine Garantie, keine definitive Signatur für einen Innen-Integrationskurs dar, wenn es keinen klaren Innengesellschaftsvertrag im Vielvölkerstaat Äthiopien gibt, der sämtliche Freiheiten für alle definiert. Ein inneräthiopischer Gesellschaftsvertrag könnte geopolitisch zu einem bi- und multilateralen Friedens- und Kooperationsvertrag mit anderen Ländern am Horn von Afrika führen. Die suggestive Frage lautet: Welches Vergesellschaftungs- und Vergemeinschaftungsmodell der Integration soll sich Äthiopien zulegen, um seine internen und geopolitischen Hürden gemeinsam zu überwinden?

IV. Beziehungen zwischen der EU und AU
Was können beide, EU und AU, als supranationale Organisationen im globalen Zeitalter voneinander lernen, um regionale Konflikte wie kontinentale Hürden zu überwinden?
Di-Tutu Bukasa