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Sendung vom 26.11.2019 11:00:

Aufregung über Peter Handke

Der Künstler als moralische Instanz wird abgewatscht. Wer sich der westlichen Hetze verweigert, der kann kein Groß-Künstler sein, wie „wir“ ihn mögen!

Nachlese zu der Aufregung um Peter Handke

Zur Erinnerung: Der Künstler als moralische Instanz wird abgewatscht. Wer sich der westlichen Hetze verweigert, der kann kein Groß-Künstler sein, wie „wir“ ihn mögen!

„Die Berichterstattung über Serbien sei damals monoton und einseitig gewesen, so Handke. Im ‘Zeit’-Interview kritisiert er auch das damalige deutsche Vorgehen. ‘Wie konnte Deutschland Kroatien, Slowenien und Bosnien-Herzegowina anerkennen, wenn auf dem Gebiet mehr als ein Drittel orthodoxe und muslimische Serben lebten? So entstand ein Bruderkrieg, und es gibt keine schlimmeren Kriege als Bruderkriege.’“ (Standard 20.11.19)

Eine Zeitreise: Eine ethnische Säuberung, wie „wir“ sie mögen (Originaltext-Text aus 1999)

Sieh an, es geht also auch anders. Nämlich ohne hysterische Kommentare und Berichte. Ohne breit abgefilmte Schicksale und ohne Dauerberichterstattung im Staatsfunk. Ohne eine nationale Spendenkampagne von und für „Nachbar in Not“ unter vorbildlichem Einsatz von viel Prominenz und mit einem Gala-Abend im ORF, und ohne ein sehr bezeichnendes Ergebnis wie: „Wir sind Spenden-Weltmeister!“ Es geht auch kühl, nüchtern, und sachlich. Ungefähr so:
„Bisher haben etwa 50.000 Serben das Kosovo verlassen.“ (ORF) So geht seriöse Berichterstattung ohne Effekthascherei!

Keine „Vertreibung“, keine ethnische Säuberung, höchstens eine „Flucht“ spielt sich also ab. Serbisches Militär, ebenso Polizei, „paramilitärische Banden“ und bewaffnete „Bürgerwehren“ müssen das Land verlassen, und sofort macht sich auch ziviles Volk auf den Weg. Wovor die Leute abhauen, wird keineswegs verschwiegen. Mit der NATO kommen auch deren „Waffenbrüder“ von der UCK – eine paramilitärische bewaffnete Bande, und die hat jetzt viel freie Hand. Demonstrativ werden, wie allgemein erwartet, einige Serben umgebracht, und viele andere ziehen die naheliegenden Schlüsse daraus und hauen ab. Die NATO macht sich keineswegs selbst die Hände dreckig, sie läßt bloß diese Handlanger machen, und das ist ein politisches Signal. Ein britischer Offizier lädt Serben zum Bleiben ein, indem er an deren „unglaublichen Mut“ appelliert (FORMAT 25/99) – geht also davon aus, daß sie den unter dem NATO-Regime schon brauchen. Denn zuerst trägt und benutzt die UCK ihre Waffen, dann wird heftigst mit der NATO verhandelt unter Beachtung des wichtigen Unterschiedes zwischen „Entwaffnung“ und „Demilitarisierung“, und schlußendlich ergibt das hin und her, daß nach einer Frist von 30 Tagen die UCK ihre Waffen nicht abgeben wird müssen – nämlich nur die „schweren“ und erst nach weiteren 60 Tagen auch die „leichten“.

Es kommt wieder einmal sehr darauf an, wer wen „ethnisch säubert“, wie schon öfter während der „Neuordnung“ des Balkan. Ein Verbrechen liegt dann vor, wenn unautorisierte Kräfte gegen die Direktiven der mächtigen westlichen Nationen andere vertreiben und „säubern“. Unter der Kontrolle der NATO, oder wenigstens von einem Verbündeten durchgeführt, stellt sich der identische Tatbestand für die NATO-Öffentlichkeit wesentlich weniger dramatisch dar. Bereits im Sommer 1995 erkundigte sich das „profil“ richtiggehend wertfrei nach etwaigen positiven Auswirkungen einer ethnischen Säuberung:
„Die Kroaten haben 150.000 Serben vertrieben. Ist das die Grundlage für einen haltbaren Frieden?“ (33/1995)
Wenn Serben vertrieben werden, dann ist das eventuell konstruktiver Teil des Friedens; wenn von Serben andere vertrieben werden, dann weiß der geschulte Leser, daß die NATO unmöglich Frieden geben kann. Wenigstens für die Menschenrechte aller verbliebenen Bewohner des ehemaligen Jugoslawien gilt immerhin eine Art Gleichheitsgrundsatz: Ganz egalitär ist deren Festlegung ausschließlich die Sache der NATO, und darum ist die Welt für die NATO-Öffentlichkeit auch in Ordnung.

Zeitreise: „Natürlich spielt auch die Propaganda eine große Rolle. Nur wenn der Feind dämonisiert wird, kann man die Gefühle der Menschen mobilisieren – und das tun die westlichen Medien und Politiker jetzt meisterhaft.“
(Ein zufriedener Georg Hoffmann-Ostenhof erläutert im profil 14/99 seine verantwortungsvolle Tätigkeit.)(Original-Text aus 1999)

Nun, meisterhaft ist das Treiben der Propagandakompanien nicht gerade. Es ist sogar ausnehmend primitiv und ekelhaft. Karl Kraus, deplaziert, wie man ihn kennt, würde womöglich wieder ausgerechnet die Sprache als das eigentliche Opfer der Kriegshetzer identifizieren. Die unübersehbare Dummheit und Gemeinheit der Hetze behindert den angestrebten Effekt aber nicht. Denn wenn die Parteinahme für die „eigene“ westliche Seite, für die freie Welt, für die Sache Europas ohnehin gelaufen ist, dann ist die Verteufelung aller, die sich diesen Mächten und damit dem Guten selbst in den Weg stellen, eine kinderleichte Übung. Journalisten können das dann sogar ohne Propagandaministerium erledigen. Die Elementarform ihrer Propaganda besteht darin, kaltschnäuzige, berechnende politische Entscheidungen zur militärischen Gewaltanwendung in moralische Problemlagen zu übersetzen. Und wenn die Verwandlung des Krieges in eine moralische Frage erledigt ist, ist die Propaganda schon am Ziel. Denn daß „wir“ – der Westen, die NATO, die EU – die Guten sind, das steht immer schon fest.

Worum geht es in der Sache? Jeder Staat rechnet fest mit Auseinandersetzungen der härtesten Sorte mit seinesgleichen. Die Konkurrenz der Gewaltmonopolisten um Volk und Raum, um Macht und Geld führt notwendig zur Schädigung anderer beteiligter Interessen. Jeder Staat hält sich daher schon im tiefsten Frieden ein stehendes Heer, und eine der vornehmsten Aufgaben dieser Einrichtung, die den Krieg während des Friedens immer schon vorbereitet und plant, besteht im Schutz der „territorialen Integrität“ des Staates. Wenn also die NATO-Staaten in Rambouillet eine Friedenskonferenz abhalten – auf einer solchen Konferenz teilen sie die Bedingungen mit, unter denen sie bereit sind, den Frieden zu wahren –, und dort verlangen, Jugoslawien möge der Besetzung eines Teils seines Territoriums durch NATO-Truppen zustimmen, dann wundern sie selbst sich am wenigsten, daß damit für Jugoslawien der Kriegsfall gegeben ist. Sie sehen das längst genau so, sind also bestens vorbereitet und beginnen ein von langer Hand und ebenfalls mitten im Frieden vorbereitetes Bombardement.

Die Stunde der Propaganda ist damit gekommen. Ihre Pflicht besteht darin, den Krieg als eine Aufgabe im Dienste der Menschlichkeit und die NATO als eine Art Hilfsorganisation darzustellen, die an völlig frei erfundenen Problemen laboriert. Demokratische Propaganda besteht nämlich in einer wirklich eigenständigen kritischen Sichtung der Lage; da wird keineswegs bloß das Bulletin des NATO-Pressesprechers nachgebetet! Vielmehr fühlt sich der Kriegsberichterstatter liebevoll in angebliche Nöte der demokratischen Kriegsherrn beim Kriegführen ein, die während der wochenlangen, minutiös geplanten und Schritt für Schritt durchgezogenen Zerstörung des jugoslawischen Gewaltapparates in einem gewaltigen Dilemma stecken, das einem biederen Presseoffizier vielleicht nie eingefallen wäre:

„Wir erleben ein demographisch-demokratisches Dilemma: In unterentwickelten Gesellschaften mit großen Familien riskieren die Menschen leichter das Leben ihrer Jugend als in entwickelten. Da dominieren Kleinfamilien. Die Bereitschaft, die Söhne des Landes in den Krieg zu schicken, ist in modernen Gesellschaften weitaus geringer. Darüber hinaus nimmt Nationalismus mit dem Reichtum ab. Kriegsbegeisterung und Opfermut kommen nur in Extremsituationen auf.“ (Georg Hoffmann-Ostenhof, profil 14/99)
Diese Primitiven! Vermehren sich zuerst wie die Karnickel – und tun sich dann natürlich leicht, ihre Kinder als Kanonenfutter zu verheizen! Wir zivilisierten Demokraten sind da ganz anders, wir sind vor lauter Reichtum wohlstandsverwahrlost und deswegen in Sachen Krieg richtiggehend unterentwickelt! Eigentlich. Denn nach diesem gelungenen Beitrag zur Völkerverständigung entdeckt Hoffmann-Ostenhof gottlob mitten in der wg. Kleinfamilie verweichlichten westlichen Zivilisation eine Instanz, die dafür sorgt, daß es auch eine Demokratie jederzeit mit den genügsamen Unterentwickelten und ihren Großfamilien aufnimmt, jedenfalls was „Nationalismus, Kriegsbegeisterung und Opfermut“ anbelangt. Diese Instanz ist, jawohl, wir ahnen es bereits, es ist DIE FREIE DEMOKRATISCHE PRESSE:

„Jetzt erscheint der Einmarsch von NATO-Soldaten im Kosovo nicht mehr ausgeschlossen. … Hintergrund dieser neuen Tendenz ist die Stimmungslage der Völker im Westen. Entgegen allen Erwartungen plädierte etwa in den Vereinigten Staaten – vor der Gefangennahme von drei US-Soldaten zumindest – fast die Hälfte der Bevölkerung für den Einsatz von Bodentruppen. Sind Demokratien also doch wehrhaft – und warum? Offenbar hängt das mit den Medien und der Moral zusammen: Das Leid, die Unterdrückung, das Morden wird in eindrucksvollen Bildern über das Fernsehen ins Wohnzimmer gebracht. Der Planet ist im Zeitalter von CNN klein geworden. Und die Empörung wächst. Flagrantes Unrecht und menschliches Elend werden immer weniger als erträglich empfunden – selbst wenn es ein Land trifft, von dessen Existenz man eben erst erfahren hat. Das drängende Gefühl, den Bösewichtern müsse das Handwerk gelegt, dem Blutvergießen ein Ende bereitet werden, verstärkt sich zunehmend. Gegen die reduzierte Kriegsbereitschaft moderner Demokratien wirkt offenbar eine andere Tendenz: die allgemeine, wenn auch sehr fragile Moralisierung der entwickelten Welt. Natürlich spielt auch die Propaganda eine große Rolle. Nur wenn der Feind dämonisiert wird, kann man die Gefühle der Menschen mobilisieren – und das tun die westlichen Medien und Politiker jetzt meisterhaft.“ (ebd.)

Eine wirklich spannende Frage: Sind Demokratien, die gerade einen Krieg führen, auch wirklich wehrhaft? Sie sind es, sie verfügen nämlich über Medien, die permanent, und nicht erst im Krieg die Moralisierung der Weltlage betreiben. Berichterstattung besteht wirklich ständig in der Erzeugung von Feindbildern, die moralisierende freie Presse erzeugt immer schon die Sortierung in die Guten – „Wir“ = NATO und EU – und in die „Bösewichter“, das sind alle, die den Guten beim Weltordnen Schwierigkeiten machen. Die Welt ist längst moralisch einsortiert, es gibt ihn längst, den fertigen, abstrakten moralischen Vernichtungswillen der Öffentlichkeit, der jederzeit von der Politik abrufbar ist. Die Propaganda spielt dabei nicht auch eine Rolle, das ist die Propaganda, und das haben der Kaiser und der Führer übrigens auch hingekriegt – „Wirr gutt, Feind bös!“ – ganz ohne Fernsehen und ohne CNN. Die freie, die nicht staatlich gelenkte Öffentlichkeit ist also gar kein Gegensatz zur nationalistischen Propaganda und zur Kriegshetze, sie ist eben dies: freie, pluralistische, kritische, differenzierte, vielfältige, einseitig ausgewogene – Propaganda und Kriegshetze. Daß das „Blutvergießen“ keine Ende nimmt, daß das „Leid“ einen rasanten Aufschwung erfährt, wenn die Guten endlich voll in den Krieg einsteigen, will in so einer freien Öffentlichkeit verständnisvoll problematisiert werden.

Gerade wenn deutlich wird, daß der NATO-Krieg den toten und vertriebenen Albanern nichts nützt, will die Lüge, er würde für sie veranstaltet, umso intensiver gepflegt werden. Da kommt echtes Mitleid auf – mit der NATO:
„Ein Desaster: Man wollte das Töten und Vertreiben stoppen, das Gegenteil wurde erreicht. Etwa eine halbe Million ist auf der Flucht vor der mordenden und brandschatzenden serbischen Soldateska. Man wollte Milosevic schwächen. Angesichts der NATO-Bomben steht das serbische Volk fester hinter ihm denn je. Wie konnten sich die Hunderten hochbezahlten Strategen, Balkanexperten und Politiker der westlichen Welt so verrechnen? Ist das Dummheit und Unwissenheit? Wahrscheinlich nicht.“ (ebd.)
Wahrscheinlich ist es doch eher Dummheit. Die Dummheit des Propagandisten. Der glaubt offenbar seinen eigenen Mist; er betreibt nicht nur Propaganda, er fällt auch noch auf sie hinein, und hält das NATO-Bombardement, das den Kosovo-Albanern nichts bringt, für ein „Desaster“. Dabei hätte er nur sein eigenes Blatt lesen müssen. Seine Kollegen brauchen zwar auch „Militärexperten“, um das Offenkundige zu entdecken – Es geht im Krieg um die Zerschlagung der feindlichen Macht! –, aber immerhin:

„Kann die NATO diese Säuberungen stoppen? Kann der Westen sein moralisches Versprechen einlösen, mit Bomben weitere Gewalt gegen Zivilisten einzudämmen? Militärexperten wußten von Anfang an, daß das kaum möglich ist. … Mit welchem Ziel wurde dann aber gebombt? Mit einem anderen. Die Strategen mochten das immer schon gewußt haben, der Öffentlichkeit hingegen wurde es erst klar, nachdem die Angriffe, präzise und quer über das gesamte jugoslawische Bundesgebiet verteilt, stattgefunden hatten.“ (profil 13/99)
Eine gefestigte, durch nichts zu erschütternde Demokratie kann es sich also durchaus leisten, gewisse „moralische Versprechen“ auch mal zu dementieren. Die Militärs wählen ihre Ziele nach ihren Kriterien, die Öffentlichkeit lügt über menschenfreundliche eigentliche „Zielsetzungen“, was das Zeug hält, und läßt sich – von echten „Experten“ – auch über ihre eigenen Lügen informieren, ohne daß das der guten Sache Abbruch täte! So wird die zentrale Lüge über diesen Krieg nicht widerlegt, sondern gegen jede Widerlegung immunisiert. Die NATO will das Gute, das steht getrennt von jeder Kriegsfolge fest, sie hat es nicht nötig, sich an ihren eigenen Versprechungen messen zu lassen – und kann sich daher an diesen auch nicht blamieren. Die Heimatfront steht und wanket nicht!

Man muß also konstatieren – um auch einmal an die unselige Vergangenheit zu erinnern –, daß Adolf Hitler, Führer und Kanzler des Deutschen Reiches, der letzte westeuropäische Politiker war, der auf das Märchen reingefallen ist, eine freie, kritische, pluralistische Öffentlichkeit wäre eine dem Wehrgedanken und dem Recht auf Krieg abträgliche, den Staat insgesamt zersetzende Einrichtung. Zu seiner Entschuldigung kann nur darauf hingewiesen werden – er hat sie ja nicht mehr erleben dürfen, die freie, kritische, pluralistische Kriegsberichterstattung in der Demokratie.

Zeitreise: Die Wahrheit über die Massaker im Kosovo
Leichenfledderer sind unterwegs (Original-Text aus 1999)

Die nicht einmal klammheimliche Befriedigung gewisser Medien über die Funde albanischer Leichen im Kosovo erklärt sich aus der Verwendung, für die diese vorgesehen sind. Während tote Serben eben bloß tot sind und nichts weiter bedeuten, politisch und propagandistisch nicht viel hergeben, sind tote Kosovo-Albaner eine richtiggehende Offenbarung. Sie sind nicht einfach tot, sondern sie sind ein Auftrag an die NATO, die sich ihrer frei gewählten Pflicht zum Bombenkrieg einfach nicht entziehen konnte und die diese Pflicht sogar schon viel früher erfüllt hat, damals, als die „Auftraggeber“ noch gelebt haben. Die von der anderen Seite produzierten Leichen gebieten und rechtfertigen eben immer die Leichenproduktion der „eigenen“ Seite. Wie widerlich es ist, mit Leichen Propaganda zu machen, fällt den zuständigen Meinungsmachern durchaus auf; aber nur, wenn die falschen Leichen für die falsche Sache publizistisch ausgeschlachtet werden.

Beispielsweise, wenn das chinesische Staatsfernsehen nach der Bombardierung der chinesischen Botschaft agiert, als sei es bei den demokratischen Anstalten in die Lehre gegangen:
„Die chinesische Führung erklärt die Opfer von Belgrad zu ‚revolutionären Märtyrern‘. Sie läßt deren Angehörige mit ihrem Kummer nicht allein, sondern hält die Kamera drauf und wiederholt die Bilder, die Staatstrauer in Szene setzen, penetrant … Dieselbe Presse, die aus Chronistenpflicht jede weinende Oma aus dem Kosovo ablichtet, durchschaut die Benutzung privaten Schmerzes für politische Absichten sofort und wendet sich mit Grausen: ‚Bei solchen Bildern aus dem chinesischen Fernsehen wird mir schlecht‘ (ARD-Kommentar). Mit Frontberichterstattung kennt unsere freie Presse sich eben aus.“ (Gegenstandpunkt 2/99)

Ein Unterschied der Kriegsparteien ergibt sich gar nicht in bezug auf die Herstellung von Toten, das betreiben schließlich alle, sondern in den Augen der NATO-Öffentlichkeit hat nur eine Seite die „Lizenz zum Töten“, überraschenderweise uneingeschränkt die „eigene“. Der Feind hingegen hat kein Recht zum Waffengebrauch; er hat keinen gebilligten Grund und darum in den Augen der demokratischen Propagandamacher überhaupt keinen Grund – er mordet also sinnlos und ist nur kriminell, statt sinnvoll und für einen politischen Zweck zu töten, wie die NATO. Diese genau gezielte Ignoranz geht so weit, daß die hiesigen Berichterstatter ihren eigenen Standpunkt nicht mehr wiedererkennen, wenn sie ihn beim Feind ganz genau erkennen.

Das inzwischen berühmte Massaker in dem Dorf Racak, in dessen weiterer Folge die NATO angeblich nicht mehr WEGSCHAUEN konnte sondern HANDELN mußte, war mutmaßlich die serbische Antwort auf den Tod dreier Polizisten, hat „Die Presse“ damals vermeldet, beim Versuch, „höchste Regierungsstellen“ dafür verantwortlich zu machen:
„Aus Wut über den Tod dreier serbischer Polizisten nach einem UCK-Überfall sei aus höchsten jugoslawischen Regierungsstellen der Befehl gekommen, bei der Suche nach den Tätern ‘hart durchzugreifen’. Der Auftrag an die Polizei habe gelautet ‘zu fahnden und zu vernichten’. Das gehe aus den von westlichen Geheimdiensten abgehörten Telephonaten zwischen den jugoslawischen Behörden hervor.“ („Die Presse“, 29.1.1999)

Wie steht’s mit folgender Interpretation: Aus sehr kalkulierter Wut über den nicht von ihnen befohlenen und nicht genehmigten Tod von Kosovo-Albanern nach einem Überfall der jugoslawischen Sonderpolizei ist aus höchsten westlich-demokratischen Regierungsstellen der Befehl gekommen, hart durchzugreifen. Der Auftrag an die Luftwaffe hat gelautet, zu fahnden und zu vernichten. Das geht aus den in aller Öffentlichkeit abgehaltenen Pressekonferenzen der Oberbefehlshaber von Clinton über Blair bis Schröder hervor. Das war damit der Auftakt zu einem mehr als zweimonatigen Bombardement. So geht der Standpunkt der Kollektivschuld, wie er in Kriegszeiten von allen Parteien eingenommen wird: sobald es nur Mitglieder der feindlichen Seite erwischt, hat es auf alle Fälle die Richtigen getroffen.

Dem Dichter Handke ist gegen die Hetze der hiesigen Öffentlichkeit übrigens auch nichts besseres eingefallen als deren Umdrehung: Er deutet auf Tod und Zerstörung in Jugoslawien und nennt die Urheber dieser Zustände daher „Verbrecher“; und es ist sehr charakteristisch, daß die wütenden Geiferer gegen den „undichten“ Dichter nicht einmal das richtig registriert haben.

Der Zweck: Terrorismusbekämpfung

Der politische Grund der Gemetzel im Kosovo ist ein sehr schlichter und bei anderer Gelegenheit auch gewußter: So geht Guerillabekämpfung. Da wird, weil ein richtiger Untergrundkämpfer eben im Volk lebt wie der Fisch im Wasser, das Einflußgebiet einer solchen Bewegung militärisch gewürdigt, werden ganze Dörfer bei Strafexpeditionen niedergemacht und wird auch sonst viel getan, um dieses „Hinterland“ auszutrocknen. Man muß sich nicht einmal an Vietnam erinnern oder an das Vorgehen der türkischen Armee in den Kurdengebieten – die „ethnische Säuberung“ in Ostanatolien heißt übrigens soziologisch „Binnenwanderung“ – es genügt etwa der Bericht der offiziellen „Gualtemaltekischen Wahrheitskommission“ vom Februar 1999, der die Greuel des dreißigjährigen Krieges zwischen der Armee und der linken Guerilla auflistet und „93% der Menschenrechtsverletzungen“ der Armee anlastet, „systematischer Völkermord“ inbegriffen, und für „3% die Guerilla“ verantwortlich macht. Der Bericht referiert „das Zusammenwirken zwischen der CIA und den rechtsgerichteten gualtemaltekischen Militärs gegen linke Guerilleros und Maya-Indianer bei Hinrichtungen, Folterungen und Entführungen“, wobei ca. 440 Dörfer vernichtet und etwa 200.000 Menschen umgebracht wurden. Nachdem alles erledigt war, nachdem diese Massaker ihren guten politischen Zweck erreicht hatten, nachdem also die Lage gerade durch „Völkermord, Hinrichtungen, Folterungen“ stabilisiert worden war, nachdem die Gemetzel ans Ziel gelangt und ihr Erfolg sich eingestellt hatte – da hat Clinton auf seiner letzten Reise durch Lateinamerika Worte des Bedauerns gefunden, für die amerikanische Anstiftung dieser Praktiken.

Man entdeckt wieder einmal den Riesenunterschied zwischen Zivilisation und Barbarei, denn von Milosevic hat man keinerlei Entschuldigung gehört; aber vielleicht liegt das auch nur daran, daß seinen Bemühungen kein Erfolg beschieden war und die damit verbundene satte Zufriedenheit einfach nicht aufkommen konnte.

Aus Anlaß des Angriffs der NATO auf Jugoslawien hat die Führung in Belgrad die Bekämpfung der UCK eskaliert, hin zur Vertreibung des völkischen Umfeldes der UCK, zur „ethnischen Säuberung“. Die albanische Volksgruppe war zwar nicht der Grund, aber einer der Rechtstitel der Mission der NATO zur Verkleinerung Jugoslawiens, nachdem die „friedliche“ Drohung mit dem Einsatz der Waffen nicht genügt hat. Milosevic hat durch die Vertreibungen versucht, auf seine Weise die Übereinstimmung von Volk und Raum herzustellen, die im Selbstbestimmungsrecht thematisiert ist. So geht es zu, wenn Staaten gegründet oder angegriffen werden, und die gängigen Vergleiche stimmen alle: Von der Vertreibung der Sudetendeutschen über die Vertreibung der Palästinenser bis zur Vertreibung der Serben aus Kroatien und aus dem Kosovo. Solche Sauereien sind normal, wenn „Geschichte gemacht“ wird, wenn Grenzen neu gezogen werden, wenn Staaten untergehen. Auch darauf bereiten sich Staaten vor, wenn sie mitten im tiefsten Frieden Streitkräfte unterhalten. Wenn das Gewaltmonopol angegriffen wird, von innen oder von außen, pflegt ein Staat alles ins Gefecht zu werfen, was er sich längst vorher zugelegt hat. Es ist wieder charakteristisch, daß dem jugoslawischen Staat von der NATO-Öffentlichkeit gar keine politischen Gründe für sein Wüten zugestanden werden. Offenbar rechnen die Meinungsmacher mit einem ziemlich abgebrühten Publikum, bei dem zuviel Verständnis aufkommen könnte, angesichts dessen, daß sie dieses ihr Publikum ständig mit so vielen guten politischen Gründen für staatliche Vernichtungsaktionen füttern – immer wenn der Westen oder seine Verbündeten irgendwo aufräumen müssen.

Das Motiv: Patriotismus

Auch die blöde Frage, wie „Menschen“ bereit und imstande seien, „so etwas“ für ihren Staat anderen Menschen anzutun, hat wieder Konjunktur. Man liest von österreichischen Menschen, die sich „schämen, ein Mensch zu sein“, obwohl sie an den Greueln weder beteiligt waren noch sie gebilligt haben. Dabei ist dort gar nicht der Mensch als solcher tätig, sondern da ist eine subspecies der Gattung Mensch unterwegs, der Patriot nämlich. Wer sein Vaterland liebt, der ist deswegen zu Taten aufgelegt, die öfter als „unmenschlich“ klassifiziert werden, obwohl das Tierreich dergleichen nicht kennt. Die gern gebrauchte Unterscheidung zwischen dem guten Patriotismus – bloß die unschuldige „Liebe zum eigenen Vaterland“ – und dem bösen Nationalismus – übersteigerte Liebe und deswegen Abneigung gegen Ausländer und deren Vaterländer – die ist selten gedankenlos. Wer bloß sein Vaterland liebt, wie steht der wohl zu dessen Feinden, die seine wehrlos gemachte geliebte Heimat zwei Monate lang mit einem Bombenhagel belegen? Wie steht er zu Leuten, die vom Feind als Verbündete und quasi als Auftraggeber des Bombardements bezeichnet werden? Sicher ist die Behauptung geheuchelt, „wegen der Kosovo-Albaner“ wäre Jugoslawien zerstört worden, aber wenn die komplette freie Welt die Heuchelei mitmacht – soll man sich wundern, wenn der jugoslawische Soldat die Beurteilung teilt und Albaner als Feinde und Verräter betrachtet? Der Patriot in Uniform stand im Kosovo also vor einem moralischen Dilemma. Soll er WEGSCHAUEN oder soll er HANDELN, das war die Frage. Wenn er WEGSCHAUT, macht er sich schuldig, denn dann schlägt sich der Albaner womöglich zur UCK durch, wird bewaffnet, kommt zurück und bringt Serben um – und wenn er HANDELT, also zuschlägt, macht er sich auch schuldig. Sollte der serbische Patriot zum selbstverliebten Baden im eigenen Gewissen neigen wie sonst höchstens noch der deutsche Außenminister Fischer – kein Problem. Stoff für moralische Ausweglosigkeiten ist reichlich vorhanden, und wie man weiß, entscheidet sich der echte „Verantwortungsethiker“ letztlich doch für das HANDELN. Wem also beim Schlachtruf „Österreich zuerst!“ nicht schlecht wird und wer mit „Deutschland über alles!“ keine Probleme hat, sollte sich nicht über Taten echauffieren, die dem Bedürfnis „Serbien über alles!“ zu verdanken sind. Von manchen Befürwortern des Balkankrieges ist der fehlende ökonomische Nutzen – „Kein Öl am Balkan!“ – des Krieges dahingehend interpretiert worden, daß dann wohl die pure NATO-Moral am Zerstörungswerk gewesen sein muß, ohne daß damit ein Einwand gegen Moral vorgebracht werden sollte. Dieselbe Logik läßt sich auch auf die Massaker anwenden: Wenn kein wirtschaftlicher Nutzen in Sicht ist, dann muß es wohl ums Höhere gehen! In der Tat: Um das Höchste überhaupt, um die Nation!

Sicher, diese Darstellung ist zwar sachlich, nicht aber „politisch korrekt“. Sie widerspricht dem Feindbild und der Hetze. Denn der Feind hat bekanntlich keine Moral, er ist ein moralisches Monster und moralische Zwickmühlen sind ihm völlig fremd – so etwas zeichnet nur „uns“ aus, und allein schon das moralische Problematisieren rechtfertigt dann auch jede Entscheidung, egal wie sie ausfällt und wie vielen Leuten sie das Leben kostet. Gerade die moralische Monstrosität des Feindes verlangt ja die gerechte Brutalität der je „eigenen“ Seite, nicht?