Kapitalismuskritik
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Sendung vom 02.06.2021 13:00:

Brecht – Vom geschmähten Kommunisten zum Dichter »deutscher Spitzenklasse«, Teil 2

Über Moral und Heuchelei an seiner Kalendergeschichte „Die unwürdige Greisin“

Zur Attraktivität Brechts für Leute, die er eigentlich kritisiert:

Selbstironie wird von den Rezensenten als Eingeständnis von Unvollkommenheit interpretiert und er darüber bewundert, wie bescheiden er doch war!
Das, auf was er damit aufmerksam machen wollte, fällt unter den Tisch.

Für Edmund Stoiber, den bayrischen Ministerpräsidenten, ist er ein typischer und gut gelungener – Bayer!
Dabei hat sich Brecht auch über die Debatte mit den Wurzeln lustig gemacht – aber hat ihn gegen diese Art von Vereinnahmung nicht geschützt!

Einige Beispiele für Brechts Moralkritik anhand der Kalendergeschichte: Die unwürdige Greisin.
Fortsetzung der Bemerkungen zur Kalendergeschichte „Die unwürdige Greisin“

Hinweis auf die Parallelen zu dem von Brecht mitbearbeitetem Film „Kuhle Wampe“,
https://de.wikipedia.org/wiki/Kuhle_Wampe_oder:_Wem_geh%C3%B6rt_die_Welt%3F#Von_der_Zensur_freigegebene_Fassung
der bereits in der Weimarer Republik der Zensur unterlag, 1932 in Moskau uraufgeführt und später in gekürzter Form in deutschen Kinos laufen durfte, bis er 1933 von den Nazis endgültig verboten wurde.
Es geht um die Freiwilligkeit und Verantwortlichkeit des Kinder-Kriegens.

Zurück zur „Unwürdigen Greisin“: Hier werden Berechnungen und bürgerliche Moral, zusammengeschlossen als Heuchelei und Empörung, exemplarisch vorgeführt.

Hinweis auf eine Verfilmung dieser Geschichte aus Frankreich, wo der Spieß umgedreht und die Moral des Bürgers an den Pranger gestellt wird, was viel von der Moralkritik Brechts verflacht.

Am Beispiel der Rezension durch Robert Minder
https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Minder
zeigen die Vortragenden, wie man der Erzählung die Schärfe nehmen kann, indem man sie biographisch deutet.
Und wie überhaupt die Psychologisiererei sich sehr frei von allen Inhalten macht, mit denen sie sich auseinandersetzt.

Eine andere Interpretation deutet sie als poly-perspektivisch – jeder nimmt einen anderen Standpunkt ein, dadurch ist sie per se unergründlich. („Rashomon-Effekt“)

Da wird dann nur mehr die Form, in der das Stück verfaßt ist, zum Thema gemacht, sein Inhalt interessiert nicht mehr.

Brechts „Unwürdige Greisin“ hat es inzwischen in die Schulbuchliteratur geschafft, während das „Bildnis der Mutter“ von Heinrich Lersch – endlich! – aus den Schulbüchern verschwunden ist.

Es geht den Vortragenden nicht darum, das wird jetzt auch einmal betont, der Zuhörerschaft Brecht näherzubringen, sondern aufzuzeigen, wie sich auf ihn bezogen und wie er für die gängige Moral instrumentalisiert wird, während seine Absichten eigentlich ganz andere waren – was auch darzustellen wäre.

Brechts Stellung zur Moral ist noch zu klären. Weil er stellt ja immer dar, daß man in dieser Gesellschaft gar nicht moralisch „gut“ sein kann.
Brecht meint, einander zu helfen, sei eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Am Beispiel der Mutterliebe: Im „Augsburger Kreidekreis“ wird gezeigt, daß einfach das Verhältnis zu einem Kind, dem man nicht wehtun will, das Verhältnis zu ihm bestimmt.
Es geht ja gar nicht darum, wer die biologische Mutter ist, sondern wer diejenige ist, die das Kind lieben und aufziehen will.

Der „Kaukasische Kreidekreis“ ist eine Übernahme aus dem chinesischen Gleichnis-Schatz, und Brecht dreht es einfach um, eben um die Mutterschaft als soziale Tat und nicht als naturgegebenen Trieb darzustellen.

Es wird bei der ganzen Moral-Beflissenheit, nach Brechts Auffassung dasjenige, was den Menschen sowieso eigentlich innewohnt, als eine äußerliche Verpflichtung an sie herangetragen.

Manchmal ist es auch völlig unbrauchbar, was an moralischen Haltungen eingefordert und geliefert ist, wie im Falle des Mitleids.

Das Mitleid – z.B. in Form allfälliger Spenden – bewirkt zwar wenig, aber es ehrt den edlen Spender, und das ist schon der Hauptzweck de veranstaltung. Man beweist seine eigene Großartigkeit und Gutheit und fragt gar nicht nach, warum es eigentlich so viel Elend gibt auf der Welt.

In der „Maßnahme“ wird Mitleid als eine dem Kommunisten unangemessene Gefühlsregung charakterisiert und das wurde Brecht auch von allen Interpreten vorgeworfen.

Noch einiges zu Moral, Anstand und Heuchelei und wie das bei einem selbstbewußten Bürger promlemlos zusammengeht.

Diskussion um die Moral bei Brecht
(Man sieht hier, wie widersprüchlich Brechts Sellung zur Moral ist und warum er dann auch so leicht vereinnahmt werden kann von Leuten, deren Ideologie er zeitlebens bekämpft hat.)

Noch einiges zur bürgerlichen Moral, und warum die Heuchelei, das Verbergen der eigenen Absichten, zu einer Art zweiter Natur, einer Selbstverständlichkeit der Konkurrenzgesellschaft geworden ist.

Das, so meinen die Vortragenden, hätte Brecht in seinen Stücken und Erzählungen thematisiert.

Playlist / Zusatzinfo:

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