Kapitalismuskritik
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Sendung vom 16.06.2021 13:00:

Brecht – Vom geschmähten Kommunisten zum Dichter »deutscher Spitzenklasse«, Teil 3

Über das Theater, sein Publikum und Brechts Wissenschaftsidealismus

Das Problem bei Brecht ist, daß er zwar den Finger auf die Wunde legt und aufzeigt, daß sich weder die Selbstverständlichkeit des Miteinander, noch das Gut-Sein der bürgerlichen Moral im Kapitalismus praktizieren lassen – aber dort, wo man dann weiterdenken müßte, WARUM das so ist, also wie der Kapitalismus funktioniert – da hört er auf und läßt er seine Hörer/Leser allein.

Seine Vorstellung ist, daß die Leute sich nicht trauen, etwas zu verändern, und er ihnen nur Mut zusprechen muß.

Die bürgerlicher Moral, Heuchelei und Höflichkeit kriegt man von Kind auf eingetrichtert. Zum Beispiel immer das „Bitte“-Sagen.

Lustiges Detail: In Namibia – wo die Vortragenden inzwischen leben – kennt die Sprache kein „Bitte“ und „Danke“. Dort sagt man: Gib her! – was für den Europäer gewöhnungsbedürftig ist. (Was es dort an Bitte und Danke gibt, sind Kolonialismus-Überreste.)

Diese Verrenkungen der Höflichkeit – den eigenen Wunsch immer gleich zu relativieren – sind auch Karl Valentin aufgefallen, und er hat dann daraus seltsame Situationen gebastelt, wie z.B. beim „Buchbinder Wanninger“.

Das war Brechts Stellung zur Moral, wie ist jetzt seine zur Wissenschaft?

Da betreibt er den Idealismus, zu meinen, es läge nur an der richtigen Bemühung. Man müsse analysieren, Wissenschaft treiben und dann geht einem irgendwann der Knopf auf.
Auch der Ansporn, doch Veränderung anzustreben, geht auf diesen Idealismus zurück.
Die Literaturkritik macht aus diesem Wissenschaftsidealismus das genaue Gegenteil und erklärt Brecht zu einem Skeptiker.

Aus dieser Vorstellung, nur Denkanstöße geben zu müssen, damit die Menschen die Konventionen hinter sich lassen und sich ihre Lage richtig – wissenschaftlich – marxistisch zu erklären, ergibt sich sein Theaterkonzept der Verfremdung, das das Bühnenwesen beflügelt hat und inzwischen bei Theateraufführungen Standard geworden ist – allerdings völlig ohne den Inhalt, der Brecht bei seiner Entwicklung bewegt hat.

Brecht geht hier schon von einer falschen Annahme über die gewöhnlichen Menschen aus, noch viel mehr allerdings über das Theaterpublikum, das an der Handlung eines Stückes sowieso nicht interessiert ist, sondern sich nur geschmäcklerisch die Inszenierung zu Gemüte führen will.

Vergleich mit dem Schillerschen Theaterkonzept – was unterschiedet das klassische deutsche vom Brechtschen Theater?

Das Theater Goethes, Schillers, Kleists usw. zerreißt seine Helden zwischen verschiedenen, einander widersprechenden Idealen und ist so abstrakt, daß diese Stücke heute fast nicht mehr aufgeführt werden. (Mit „abstrakt“ meint Wolfgang: Sie haben nichts mit der heutigen Realität zu tun.)
Das an Brecht angelehnte moderne Theater hingegen will aktuell sein und der Mini-Welt, die auf dergleichen Vergnügen heiß ist, den Spiegel vorhalten.

Das aristotelische hingegen will durch Identifikation mit dem Helden das Publikum auf eine höhere sittlich-gedankliche Stufe heben. Das hieß bei Aristoteles „Katharsis“, Reinigung. Man ging also ins Theater wie in eine psychische Waschanlage.

Diesen klassischen Dramen ihre Botschaft und Moral zu entlocken, kann dem Lehrer und Interpreten schon einiges abverlangen.
Als Beispiel für die ganz komplizierte Konstruktion eines Stückes nennen die Vortragenden Lessings „Emilia Galotti“, wo eine schöne Frau sich lieber umbringen läßt, als einem Wüstling zu verfallen. :D :D

Noch einiges zum „Leben des Galilei“: Hier wird Wissensdurst unterstellt: Man müsse die Menschen nur darauf aufmerksam machen, daß Wissen besser ist als Nichtwissen. Das ist für Brecht die Aufgabe der Revolutionäre.

Noch einiges zu Freiheit und Vaterlandsliebe, wie sie in den „Flüchtlingsgesprächen“ abgehandelt wird.

Brecht war übrigens kein Mitglied einer Kommunistischen Partei, wurde aber vor dem McCarthy-Ausschuß dessen beschuldigt.

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In Laufe dieser Veranstaltung besprochene Werke Brechts:

Die Dreigroschenoper
Die unwürdige Greisin
Die Maßnahme
Leben des Galilei
Die heilige Johanna der Schlachthöfe
Der gute Mensch von Szechuan
Der kaukasische Kreidekreis
Flüchtlingsgespräche

Playlist / Zusatzinfo:

Wendula Dahle / Wolfgang Leyerer | Brecht III | 33 Min. |

Zum Nachhören