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Sendung vom 23.02.2021 11:00:

Die Familie

Die Familie Ort des Glücks, Ort der unbezahlten Arbeit, Ort des Psychoterrors, Ort des Amoklaufs

Die Familie
Ort des Glücks,
Ort der unbezahlten Arbeit,
Ort des Psychoterrors,
Ort des Amoklaufs

Warum diese Ausführungen? Unzufriedenheit mit etablierten Deutungen

Ausgangspunkt ist die Unzufriedenheit mit vielen gängigen Interpretationen in Sachen „häusliche Gewalt“ oder „Familientragödie“ oder „Beziehungstat“. Denen will ich was entgegensetzen, eine andere Erklärung. Zur Vermeidung von Missverständnissen: Es soll nicht unbedingt darum gehen, Betroffenheit oder Abscheu zur Darstellung zu bringen, das passiert mehr als genug und ständig. Sondern: Die oben skizzierte Eskalation vom Glück zum Amoklauf gilt es zu erklären, was das mit Familie oder Beziehung zu tun hat; denn kein Mann geht eine Liebesbeziehung ein, um über kurz oder lang die Frau umzubringen. Und keine Frau geht mit der Perspektive in eine Ehe oder Beziehung. Es passiert aber laufend, das ist ein regelrechtes und sehr bekanntes Mus-ter: Frau will sich trennen, Mann bringt sie um und scheitert anschließend am Selbstmord. (U.U. auch Kinder beteiligt; durchaus auch als alleinige Opfer: Mutter in Wien bringt drei Kinder um, Vater in Tirol zwei. Nachdem der erwähnte Vater eindeutig ein Einheimischer war, hielt sich die Aufregung in Grenzen, „Überforderung“ bzw. „rätselhaft“ war der Tenor der sehr spärlichen Kommentare.) Es ist zu diskutieren, wie im Streben nach Glück und im Kampf um es die Übergänge bis zum Mord und Selbstmord stecken.

Empirisch ist das sowieso geläufig: Zu den häufigen Gründen für Gewaltverbrechen zählt die enttäuschte Liebe. Dennoch, von diesem gefährlichen Feld wollen nur die wenigsten die Finger lassen; auch wenn der Spruch „alle Männer sind Schweine“ bei Gelegenheit schon mal über die Lippen kommt. Die Massenmedien sind voll von der Liebe, ihrer Haltbarkeit, ihren Irrungen, auch von Tipps und guten Ratschlägen. Man kann Jung und Alt ewig damit unterhalten. Denn es ist – für nicht wenige Leute – das wichtigste Thema in ihrem Leben: Einen Mann / eine Frau abkriegen, sich ein Nest bauen, und (mit oder ohne Kinder) glücklich werden – darum dreht sich alles, daran entscheidet sich, ob das Leben insgesamt geglückt oder misslungen ist. Alles andere – Geld, Karriere, Weltanschauung, Hobbies – verblasst dagegen.

Die leitende These mal explizit: Die Familie ist nicht nur der soziale Ort, in dem die vielzitierte „häusliche Gewalt“ stattfindet, sie ist auch der Grund dafür. Und der Grund für die „Beziehungstat“ ist schon die „Beziehung“ bzw. eben deren wirkliches oder drohendes Ende. Ich bin einmal auf eine seltsame Gegenüberstellung gestoßen: Da wurde nämlich beanstandet, die Bezeichnungen „Beziehungstat“ bzw. „Familientragödie“ wären womöglich verharmlosende Kenn-zeichnungen, weil es sich vielmehr um etwas anderes, nämlich um Formen „struktureller Gewalt“ handle. Dass es sich bei der Familie und beim anerkannten Beziehungsmodell um „Strukturen“ handelt, die ein gewisses Gewaltpotential in sich bergen – das wird offenbar gar nicht erst in Betracht gezogen, oder das soll zumindest nicht in die Diskussion kommen.

Weiter lautet die These, dass es sich bei häuslicher Gewalt gegen Frauen nicht um die Auswirkungen eines überkommenen, veralteten, „patriarchalischen“ und unzeitgemäßen, oder gleich eines „importierten“ Frauenbildes handelt, sondern um die – mal „medizinisch“ formuliert – unerwünschten Wirkungen eines sehr modernen, aktuellen, zeitgemäßen Familien- und Beziehungsbildes. Insofern ist da auch mit pädagogischen Maßnahmen in Richtung „hierzulande herrscht aber Gleichberechtigung“, und „hier haben auch Frauen ein Recht auf Respekt“ wenig zu machen. Diese Sorte familiäre Gewalt ist kein Widerspruch zur Gleichberechtigung.

Es soll weiters dezidiert um die hiesige, die europäische Familie gehen, um die Zustände hier, wo die Beteiligten ein Recht haben, sich eigenständig auf die Suche nach „dem / der Richtigen“ zu begeben, auch die Frau. Die eher orientalische Familie ist nicht primär das Thema; die Bezeichnung „orientalisch“ deswegen, weil die Heirat als ein Arrangement zwischen zwei Familien sich nicht auf den islamischen way of life beschränkt – dass also eine Frau von einer Familie in die andere quasi übergeben wird, dass die Ehe arrangiert ist, und die Frau vorher wie nachher und ständig unter der Aufsicht und Kontrolle männlicher Verwandter steht. Das soll auch bei koptischen Christen, bei konservativen jüdischen Communities und bei Hindus so oder so ähnlich gegeben sein.

Insofern sind die folgenden Ausführungen auch eine Antwort auf eine Broschüre, die Anfang Dezember 2020 von der Ministerin für Frauen und Integration vorgestellt und beworben wurde. Die Broschüre trägt den Titel „Gegen Gewalt an Frauen und Mädchen“ und versteht sich als „Leitfaden für Multiplikator/innen“. Auch wenn dort einleitend festgehalten wird: „Gewalt kann jede Frau betreffen – unabhängig von Alter, Nationalität, Bildungsstand, Einkommen, religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit“, so folgt im nächsten Satz doch die eigentliche Zielrichtung der Broschüre, dass es nämlich „im Kontext von Migration und Integration … einige besondere Herausforderungen gibt, die man in der Gewaltprävention und im Opferschutz beachten muss“, bzw. heißt es da auch: „im Kontext von Migration haben wir es oft mit spezifischen, kulturell bedingten Gewaltformen zu tun.“

Damit will diese Broschüre sehr viel mitteilen; dass nämlich die bei uns hier in Europa durchaus übliche Gewalt gegen Frauen ein Verstoß gegen das ist, was sich hier gehört – was ja stimmt. Bloß ist das natürlich kein Hindernis dafür und kein Schutz davor, zum Opfer häuslicher Gewalt zu werden; offenbar liegt eine beachtliche Diskrepanz vor, zwischen der offiziellen Sittlichkeit, und der Praxis. Auch wenn die häusliche Gewalt öffentlich geächtet ist, handelt es sich nichtsdestotrotz um einen integralen Bestandteil der hiesigen Kultur, sehr wohl auch um „kulturell bedingte Gewalt“, und nicht bloß um eine lange, lange Kette von Einzelfällen, von Abweichungen und Ausreißern, die mit dem hiesigen way of life nichts zu tun hätten. Das merkt man übrigens auch an der schieren Existenz von Frauenhäusern; diese Einrichtung gäbe es ja wohl nicht, wenn häusliche Gewalt nicht zur Normalität gehören würde. – Also hier soll es der Einzelfall sein, die Ausnahme, während bei den anderen, in den Herkunftsländern mancher Migranten, die Gewalt gegen Frauen zum dort anerkannten und gewünschten „way of life“ zählt, ein positiver, vielleicht geachteter Teil der dortigen Kultur ist – so unterstellt es die Broschüre. Das mag sogar sein, aber dass Gewalt gegen Frauen „kulturell bedingt“ ist, das gilt eben nicht nur im Zusam-menhang mit Migration, das gilt auch für die Gewalt gegen Frauen im europäisch-aufgeklärten Kontext unter der Prämisse der Gleichberechtigung, das gilt also auch für die hiesige „Leitkul-tur“. Diese These soll im Fortgang erläutert werden.

Der sogenannte „Nachahmungstäter“, der da mal zur Verdeutlichung ins Spiel gebracht wurde, also der Versuch, die Gewalt in der Familie dadurch zu erklären, dass sich der europäische Mann ein schlechtes Beispiel nimmt und sich von angeblich völlig kulturfremden Praktiken inspirieren lässt – diese ordinäre Denkfigur ist leicht zu durchschauen. Ein sog. Nachahmungstäter muss schon die Problemstellung teilen, wenn er dann angeblich jemanden aus einer anderen Kultur bloß imitiert, nachahmt: Wer nichts gegen seine Frau oder gegen die Ex hat, warum sollte der sie umbringen wollen? Schlicht und ergreifend, weil ein anderer es tut? Umgekehrt – wer sich schon bis zum Hass gegen die Frau oder gegen die Ex vorgearbeitet hat, der braucht auch kein Vorbild. Es handelt sich um einen billigen, verlogenen Versuch, die hiesige Leitkultur vor ihren Konsequenzen in Schutz zu nehmen, und die hier übliche häusliche Gewalt den Migranten in die Schuhe zu schieben. Dagegen noch einmal die These: Gewalt gegen Frauen, bis zum großen Finale, das ist schon ein integraler Bestandteil der hiesigen Heimat; das gehört dazu. Das ist, um es noch einmal auszudrücken, eine ohne Zweifel hier unerwünschte, aber schon eine Wirkung des westlichen Familien- und Beziehungsmodells. Insofern sind die folgenden Ausführungen hoffentlich geeignet, die Leerstelle der erwähnten Broschüre des Ministeriums zu füllen: Gewalt gegen Frauen als Folge der westlichen Leitkultur.

Feministinnen sehen das u.U. auch so, da gibt es durchaus die Formulierung von den „strukturellen Gründen“ der Gewalt gegen Frauen; der Mangel dieser Floskel besteht allerdings darin, dass da eine Notwendigkeit behauptet wird, ohne sie zu bestimmen: Was ist das „Strukturelle“, worin besteht die „Struktur“ und damit die Notwendigkeit? Dass es sich, wie auch gern vertreten wird, um „ganz normale“ Männer handelt, stimmt ebenfalls – aber worin besteht sie denn, die „Normalität“? Kann da mehr erläutert werden, als dass die Normalität so normal ist? Die modische Charakterisierung der Täter als Exponenten „toxischer Männlichkeit“ gibt in erster Linie die Ablehnung dieser unterstellten „Eigenschaft“ zu Protokoll, und weniger einen Grund oder eine inhaltliche Bestimmung von „toxisch“, die über die Unerwünschtheit hinausgeht. Toxisch – was ist und wie geht das?
*
Ein zufälliges Beispiel für die erwähnte Unzufriedenheit:
Interview mit einer Schauspielerin: „Frage: Was müsste sich auf gesellschaftlicher Ebene ändern? Antwort: Die Art und Weise, wie über Gewalt an Frauen be- und gerichtet wird … Es ist unfassbar, dass sich eine Zeitung traut, das Zitat eines Mannes abzudrucken: ‘Hätte sie mich die Kinder sehen las-sen, hätte ich sie auch nicht umgebracht.’ Es rechtfertigt doch sonst nichts einen Mord, und so etwas schon? … Wenn in den Medien von einem ‘Eifersuchtsdrama’ oder einer ‘Familientragödie’ die Rede ist, wird damit der Frau zumindest die Mitschuld zugeschrieben. Meistens wird Gewalt an Frauen totgeschwiegen.“ Kurier 25.11.2019, Interview Schauspielerin Franziska Weisz

Nun, wenn von einer „Familientragödie“ oder einem „Eifersuchtsdrama“ berichtet wird, dann ist damit m.E. dem Opfer keineswegs automatisch eine Mitschuld angelastet; die Frau kommt da in der Regel als Opfer vor. Die Vorwürfe sind auch nicht ganz konsistent: Von „Totschweigen“ kann doch keine Rede sein; alles ist Teil der ständigen Berichterstattung. Zumindest die Fälle von Mord und Totschlag; es mag schon sein, dass die täglichen Prügel und die allfällige Wegweisung und die Flucht ins Frauenhaus nur mehr in der Statistik auftauchen, aber unbekannt sind sie nicht. Vielleicht besteht da die Vorstellung, mit einer angemessenen Berichterstattung wäre schon ein Ende dieser Gewalt eingeleitet. Da wird ev. eine erwünschte Wirkung der Berichterstattung vermisst, und diese fehlende Wirkung dann auf die fehlenden oder verkehrten Berichte zurückgeführt. Aber wie soll denn die Berichterstattung über ein Phänomen – in dem Fall: Mord und Totschlag im Zusammenhang von Familie und Beziehung – das Phänomen aus der Welt schaffen?

Näher wird verlangt, das Geständnis des Täters totzuschweigen, weil dies Geständnis („Hätte sie mich die Kinder sehen lassen!“) angeblich gleich eine Rechtfertigung darstellt. Klar, der Täter gibt sich als Fanatiker der heilen Familie zu erkennen, beruft sich auf den allgemein anerkannten Wert „Familie“, und auf die Zerstörung der Familie durch die Frau, und er hält das für eine Rechtfertigung. Aber muss man denn dessen Perspektive gleich so normal finden, dass man das auch für eine allgemein akzeptable Rechtfertigung hält? Die Frage ist doch – wofür um Gottes willen stehen da Familie und „Kinder“? Mit welcher Bedeutung sind Kinder da aufgeladen? Ja, die kulturell bedingte und geschätzte Vergötzung der Familie ist unterstellt, aber die Vorstellung, dass die Kinder die „seinen“ sind, und ihm der Zugriff nicht verweigert werden darf, was ja im Zug von Trennungen vorkommt – diese Vorstellung kommt doch nicht aus der Berichterstattung, sondern aus der Familie. Einmal wird sich beschwert, dass Gewalt an Frauen angeblich totgeschwiegen wird, dann soll über das immerhin vom Täter persönlich geäußerte Motiv gezielt geschwiegen werden? Statt das mal zur Kenntnis zu nehmen, und sich dem zu stellen? Da ist immerhin enthalten und auch ausgesprochen, zu welchen Brutalitäten der Standpunkt „die Familie ist das wichtigste“ führen kann?! Dass für den Täter die Frau die Schuldige ist, die „es“ verdient hat, das ist der Normalfall dieser Varianten von Selbstjustiz, und dass er mit dieser Schuldzuweisung womöglich auf Verständnis trifft, auch das wird schon öfter so sein – nur wäre dann wohl eine Kritik an diesen Geisteshaltungen fällig, und das ist etwas anderes als die Forderung nach „Totschweigen“.

Die Forderung geht m.E. in die Richtung absichtliche Verdrängung oder Tabuisierung; das Gegenteil von Aufklärung und Kritik: Es soll womöglich nicht ausgesprochen werden, dass der hohe Wert Familie etwas mit Mord und Totschlag zu tun hat! Tja – und was, wenn doch? Kleiner Zusatz: In „Totem und Tabu“ definiert Freud, als selbsternannter Vertreter neuzeitlicher Vernunft folgendes: „Die Tabuverbote entbehren jeder Begründung, sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich, erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft leben.“ Der Untertitel lautet „Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker“, damals gab es sie ja noch, die „Wilden“. Meine Interpretation, jenseits von Freud: Nun, die Gesellschaft des „Wilden“ ebenso wie der Neurotiker, die laborieren beide an brutalen moralischen Widersprüchen und werden damit nicht fertig – der Neurotiker verdrängt ein Moment dessen, womit er nicht fertig wird, die Gesellschaft der „Wilden“ erklärt etwas zum Tabu: Alle müssen so tun, als existiere das tabuisierte Phänomen nicht, dürfen nicht darüber reden, müssen es totschweigen. Blöderweise kann aber nur etwas tabuisiert oder verdrängt werden, was es gibt.

Ein Erfolg dieser Schweigegebote geht so: „In Spanien hingegen hielten sich Journalisten hingegen an einen mit Opferschutzorganisatio-nen ausgearbeiteten Codex und schrieben nie von ‘verzweifelten Ehemännern’ oder Ähnli-chem.“ WOMAN 21.11.2019, Interview Günter Schwaiger, Regisseur (ebenfalls Film „Der Taucher“) Ebenfalls im Zusammenhang mit dem erwähnten Film, der Regisseur. Auch wenn von „verzweifelten Ehemännern“ nicht mehr geschrieben wird – einige der Typen sind nun mal verzweifelt, die wirtschaften sich mit ihren Erwartungen und Idealen in Sachen Familie oder Beziehung in die Verzweiflung hinein, das totzuschweigen oder zu bestreiten ändert am Sachverhalt garantiert auch nichts. Wieder wäre doch die Frage nach dem Grund dieser Verzweiflung fällig – oder wäre das alles wieder so unglaublich gut verständlich, dass automatisch die Gefahr der Rechtfertigung im Raum steht?

Ebenfalls in Spanien wird die Frau angeblich bestraft, wg. Verleumdung, wenn sie eine Anzeige gegen den prügelnden Lebensgefährten wieder zurückzieht; das gilt als Fortschritt. Warum bloß? Da wird die Frau also noch zusätzlich von der Polizei unter Druck gesetzt, ohne ihre toxische Situation zu beheben. Dazu gibt es die Gegenposition, von einer im Betreuungswesen tätigen Frau. Da wird dann dafür plädiert, das unbedingt der Frau zu überlassen, auch auf die Gefahr, dass sie die Anzeige zurückzieht und der Täter davonkommt – weil in der Regel die emotionale und / oder die materielle heillose Verstrickung eben weiter besteht. „Es gibt Frauen, die einen niedergelassenen Arzt konsultieren, der nimmt das ernst, zeigt den Mann an. Die Frau kann das sprachlich gar nicht verstehen und zuhause flattert die Anzeige ein. Sie ist dann in einer kom-plett ungeschützten Situation. … Wenn die Frau nicht in Sicherheit ist, kann das zu schweren Misshandlungen führen, wenn der Mann plötzlich von der Polizei eine Ladung wegen Körper-verletzung bekommt.“ (Andrea Brem, Kurier)

Dieselbe Frauenhaus-Expertin formuliert allerdings: „Frauen werden getötet, weil sie Frauen sind“ – oder im Fachausdruck „Femizid“. (Andrea Brem, Kurier 28.12.2019) Das stimmt nicht, es werden halt nicht „Frauen getötet, weil sie Frauen sind“, sondern ganz, ganz bestimmte Frauen, in der Regel die sog. „Ex“, die sich scheiden lassen will oder das schon getan hat – da ist deswegen ein Buchtitel „Tatort Trennung“ (Heidi Kastner, Psychologin) doch wesentlich reali-tätsnäher. Es bringt doch auch hier nichts, zu verschweigen oder nicht wahrhaben zu wollen, dass es sich häufig um das Ende einer Beziehung handelt. „Gleich zwei brutale Fälle häuslicher Gewalt haben die Öffentlichkeit im Oktober schockiert: In Kitzbühel ermordete ein 25-Jähriger seine Ex-Freundin, ihren neuen Partner, ihre Eltern und ihren Bruder. Wenige Wochen später tötete ein 31-Jähriger in Kottingbrunn seine Frau und die gemeinsamen Kinder. Das Opfer in Kottingbrunn wollte sich trennen, die Frau in Kitzbühel hatte sich vor wenigen Monaten getrennt – das bestätigt einmal mehr die Einschätzung von Expertinnen: Eine Trennung kann für Frauen tödlich sein.“ (Standard 23.11.2019) Da braucht man keine Experten, da muss man nur die Zeitungsberichte zur Kenntnis nehmen.

In beiden Fällen haben sich die Täter übrigens gleich nachher selbst bei der Polizei gemeldet. Die waren vor lauter Verzweiflung völlig fertig, weil jetzt ohnehin ihr Leben aus und vorbei ist. Ebenfalls geläufig ist die Floskel: „Der Täter ließ sich widerstandslos festnehmen.“ Das blamiert also gnadenlos die These, Mord und Totschlag, Beziehungstat und Familientragödie, das passiere wg. zu geringer Strafen. Die Strafe tritt bekanntlich immer erst im Nachhinein in Aktion, nach der Tat, sie verhindert nichts, die nachträgliche Strafe schützt niemanden – das wird bei der Beziehungstat besonders deutlich. Politiker vom Herrn Bundesbasti abwärts legen bei solchen Gelegenheiten gern einen Aktivismus an den Tag und fordern höhere Strafen oder kündigen sie an: Das übliche Deppenfutter für Demokratiekonsumenten! Die Täter wussten, dass sie bestraft werden, und haben sich bei der Polizei gemeldet.

Es soll nun eher mosaikmäßig vorangehen, sehr eng entlang der Berichterstattung, aber aus den Puzzleteilen wird sich hoffentlich ein Gesamtbild ergeben.