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Sendung vom 02.03.2021 11:00:

Die Familie(II) „Alltagstauglichkeit“ vs. „Romantik“ - und woher Amoklauf?

Die Familie Ort des Glücks, Ort der unbezahlten Arbeit, Ort des Psychoterrors, Ort des Amoklaufs

Die Familie
Ort des Glücks,
Ort der unbezahlten Arbeit,
Ort des Psychoterrors,
Ort des Amoklaufs

„Alltagstauglichkeit“ vs. „Romantik“ wegen „unbezahlter Arbeit“

In der Kronenzeitung betreibt Prof. Dr. Gerti Senger jeden Sonntag Volkserziehung zum Thema „Lust und Liebe“, mit vielen guten Ratschlägen. Diese moralischen Miniaturen sind oft sehr lehrreich.

„Hände weg von Menschen, die nicht alltagstauglich, sondern romanzensüchtig sind. … Stefanie hat sich in Anton verliebt. … Stefanie schwärmt davon, dass Anton unter einem sternenübersäten, nächtlichen Frühlingshimmel zärtliche Liebeserklärungen macht, dass er Rosenblätter in ihr Badewasser streut und Maiglöckchen auf ihren Schreibtisch stellt. … Antons Leidenschaft für Stefanie ist glaubwürdig. Aber bitte, sie soll ihm nur ja nicht von ihrem schwer erziehbaren Sohn aus ihrer gescheiterten Ehe kommen. Auch die Zores, die sie mit ihrem verschuldeten Ex hat, soll sie für sich behalten. Auf keinen Fall darf sie Anton damit belasten, dass ihre Eltern dringend Hilfe in ihrem Wochenendhäuschen bräuchten. Falls sie Anton doch ihre Probleme aufhalst, wird es Stefanie ergehen wie ihren Vorgängerinnen … dann verduftete er sang- und klanglos. Arme Stefanie. Anton ist eine Mogelpackung.“

Die Bezeichnung „Mogelpackung“ ist etwas hart – Anton will offenbar etwas anderes, als Stefanie und Frau Senger von ihm verlangen, und dazu steht er auch. Gemogelt wäre es, wenn er vortäuschen würde, Stefanie ihre Lasten abzunehmen, was er in der Story aber gerade nicht tut … Nachdem er deutlich macht, was er will und was nicht, muss sich Stefanie halt entscheiden.

Gehen wir es durch: Die Liste der familiären Probleme, die der Figur Stefanie das Leben schwer machen, möchte ich im Rahmen der dichterischen Freiheit um den Beruf ergänzen, in dieser Story angedeutet mit „Schreibtisch“, auch wenn ausgerechnet die Familie als Quelle von Ärger und Schwierigkeiten auftritt: Ein missratener Sohn, ein verschuldeter Ex-Mann, hilfsbedürftige Eltern. Stefanie hat womöglich auch einen Job, und dementsprechend den üblichen Stress und den Ärger mit Kollegen, Vorgesetzten, Kunden, mit Arbeitszeiten und Belastungen. Gut, es ist für Senger offenbar ebenso selbstverständlich wie für ihre Leser, dass sich zwei Leute in einer Beziehung für die Bewältigung ihrer Sorgen und Probleme instrumentalisieren und funktionalisieren (wollen). Der „Alltag“ ist hier eine Chiffre für den Alltag im Kapitalismus: das Kind, der Ex, die Eltern, der Job; alle wollen was bzw. bleiben umgekehrt gewisse Leistungen schuldig.

Ich möchte mal die Problembewältigung durchspielen, und zwar nach der materialistischen Lesart, also der Frage nach dem Nutzen nachgehen, auch wenn diese womöglich von Senger gar nicht so radikal gestellt ist: Es fällt schon auf, dass der angesprochene sog. Romantiker in keiner Weise von der Verursacherseite her beteiligt ist – er kann ja weder was für den möglicherweise verhaltensgestörten Sohnemann, noch für den unangenehmen Ex, und auch nichts für die Bedürfnisse der Eltern oder den Ärger im Beruf. Auch nach der anderen Seite, wenn es um die Behebung geht, hat der „eiskalte Romantiker“ wenig in der Hand: Warum sollte sich der unwillige Sohn oder der ärgerliche Ex von ihm mehr sagen lassen, als von der Mutter oder der Geschiedenen – das bleibt unerfindlich; klar, den Eltern wäre im Wochenendhäuschen schon zu helfen, vermutlich mit unbezahlter Arbeit oder gleich mit Geld, sofern vorhanden. Auch bei allfälligen Schwierigkeiten im Beruf ist von einem Außenstehenden schwer etwas zu verbessern.

Falls, u.U., auch der als „Romantiker“ titulierte Anton seine Kinder, seine Ex, Eltern und einen anstrengenden Beruf mit sich herumschleppt, wird das Szenario noch aussichtsloser. Zwei Leute mit ähnlichen Problemen tun sich zusammen, sie bräuchten Unterstützung – aber die beiden Beteiligten zeichnen sich dadurch aus, dass sie im Grunde genommen nicht viel in der Hand haben, dass sie wenig bis keine Mittel haben, um erstens sich selber und zweitens dann auch noch der Partnerin / dem Partner aus deren diversen Verlegenheiten zu helfen: Sie strudeln sich ab in einem „Alltag“ – gemeint ist Arbeit und Familie im Kapitalismus –, sie schleppen Dauerprobleme mit sich rum, die sie nicht loswerden, und sollen dann auch noch wem anderen mit ähnlichen Sorgen beispringen, die sie schon für sich selber nicht gut lösen können.

Bisher durchgespielt, wäre das eine Art Zweckgemeinschaft: Zwei durchaus strapazierte Leute tun sich zusammen, um einander bei der Bewältigung des – höflich „Alltag“ genannten – Familien- und Berufslebens beizuspringen; der einzig substantielle Beitrag, den sie füreinander leisten können, der fasst sich unter der Bezeichnung „unbezahlte Arbeit“ zusammen, spätestens sobald sie in einem gemeinsamen Haushalt leben, um Fixkosten fürs Wohnen etc. zu sparen. Im Szenario von Prof. Senger ist der Mann derjenige, der sich davor drückt – aber wie auch immer das Gezerre um nützliche Dienste und Leistungen ausgeht, das einzig relevante Hilfsmittel im „Alltag“ wäre eben diese unbezahlte Arbeit. Falls die beiden ihren Alltag gemeinsam organisieren wollen, zieht das ein Bedürfnis nach Verlässlichkeit nach sich – die Miete muss schließlich bezahlt werden, und die Hausarbeit gehört erledigt. Aber falls die beiden im Verlauf draufkommen sollten, dass es nicht wirklich funktioniert, dass die Probleme durch Gemeinsamkeit jedenfalls nicht weniger werden, sondern womöglich sogar mehr – dann könnten sie es halt wieder bleiben lassen. Es ist bei diesem Szenario nach der Seite einer Zweckgemeinschaft oder eher Wohngemeinschaft und deren allfälliger Auflösung unerfindlich, wie da letztlich eine sog. „Tragödie“ rauskommen soll, oder wenigstens ein veritabler Psychoterror, genannt „Rosenkrieg“.

Aber vielleicht ist es so materialistisch gar nicht gemeint: Senger formuliert als Prüfstein der Alltagstauglichkeit, ob sie – Stefanie – dem Anton „ihre Probleme aufhalsen“ darf, worunter wohl auch verstanden wird, dass sie sich auskotzt, über ihren missratenen Bengel und den Ex, den miesen Typ – auch ohne dass der Angesprochene da ernstlich was abstellen könnte. Alltagstauglich heißt hier offenbar, den Kummerkasten zu machen, sich Sorgen anzuhören, ihr moralisch den Rücken zu stärken, sie zu bestätigen – ja, der Sohnemann ist unausstehlich und der Ex ist sowieso das Letzte –, auf Basis der Gewissheit, dass die Gründe für den Kummer munter fortbestehen, und dass dieses Auskotzen an den Umständen nichts ändert. Das wäre eine Art „psycho-sozialer Dienst“; Stefanie wäre da eine Art moralischer Pflegefall, der wieder und wieder bestätigt und aufgebaut gehört – ja, immer die anderen sind die üblen Figuren, sie ist die Anständige, weswegen sie ständig draufzahlt. Wieder gilt: Wenn diese Zweckgemeinschaft nicht funktioniert – da ist noch kein sehr naheliegender Weg zur Tragödie absehbar. Eines ist jedenfalls unterstellt: Eine Arbeitsplatz-Beschreibung, bei der Anton durchgefallen ist – „Mogelpackung“ war der Vorwurf. Wenn sich zwei kennenlernen, und dann einfach mal schauen, was gemeinsam geht und was nicht, das ist von dieser Warte her offenbar nicht vorgesehen – geht vielleicht auch gar nicht, weil der Alltag ständig fordert. Ein Kandidat gehört jedenfalls im Rahmen seiner Bewerbung auf Brauchbarkeit hin durchgecheckt.

Aber und letztendlich: Es liegt üblicherweise halt doch keine bloße Zweckgemeinschaft vor – was mit dem Hinweis auf die „Romantik“ auch angesprochen ist! Es liegt doch, wenn man jemanden liebt, in der Natur der Sache, dass man will, dass es ihr oder ihm gut geht; es gehört doch dazu, dass einem ihre Probleme nicht wurscht sind und man sie gegebenenfalls unterstützen will – das ist völlig klar, und warum auch nicht! Das ändert aber nichts an den vorherigen Feststellungen, dass man in der Regel weder als Verursacher beteiligt ist noch als problemlösender Ritter – auf dem weißen Pferd oder im weißen Rolls Royce – antanzen kann. Es besteht in dem Zusammenhang übrigens ein kleiner Unterschied, ob man formuliert: „ich möchte, dass es dir gut geht“– da wäre womöglich eine Klärung fällig, was denn dem geliebten Wesen das Leben schwer macht; oder ob man sich gleich rundum, abstrakt und umfassend verpflichten will – „ich verspreche, dafür sorgen, dass es dir gutgeht“, völlig gleichgültig gegen die jeweiligen Schwierigkeiten und die eigenen, u.U. sehr begrenzten Mittel.

Zusatz: Es gibt eine Instanz, die es in dem Zusammenhang beinhart materiell meint mit der Alltagstauglichkeit, nämlich der Gesetzgeber. Die wichtigste Bestimmung im Eherecht besagt, dass „die Eheleute einander zum Beistand verpflichtet sind.“ Und bei dem Beistand, auf den es dem Staat ankommt – die unbezahlte Arbeit und das Geld – da ist beides verpflichtend, was sich in der Regel so richtig im Zuge einer Auflösung der Ehe bemerkbar macht. Zumindest die Kinderbetreuung muss weiter stattfinden, und gezahlt werden muss auch, je nach aktueller Rechtslage. Für alles Nähere konsultieren sie bitte einen Anwalt. – Was die Tragödien betrifft, damit geht es im nächste Teil los.

Die Familie
Ort des Glücks,
Ort der unbezahlten Arbeit,
Ort des Psychoterrors,
Ort des Amoklaufs

Der „Incel“ („involuntary celibate“ – unfreiwillig zölibatär, enthaltsam)

Das ist eine Bewegung, die sich spätestens im Internet gefunden und radikalisiert hat, und auch diese Bewegung hat ihre Helden, die als Akteure von Amokläufen bekannt wurden.
Kurier 31.01.2019: „Am 23. Mai 2014 setzte sich der Student Elliot Rodger hinter das Lenkrad seines BMW, stellte die Kamera auf das Armaturenbrett und begann zu reden: ‘Seit ich in die Pubertät gekommen bin, war ich gezwungen, eine Existenz in Einsamkeit zu erdulden, eine Existenz voller Zurückweisung und unerfüllter Begehren. Alles nur deshalb, weil Frauen sich nie zu mir hingezogen fühlten’, sagte er, und weiter: ‘Wenn ich euch Mädchen nicht haben kann, werde ich euch zerstören.’ Kurz danach tötete der 22-Jährige sechs Menschen, darunter zwei Mitglieder einer Studentinnenverbindung. Rodger, ein hübscher junger Mann mit schwarzen Haaren und weißen Zähnen, hinterließ neben dem Video ein Manifest, in dem er von Konzentrationslagern für Frauen fantasierte und einen ‘Krieg gegen Frauen’ ankündigte – weil sie ihm, dem ‘perfekten Gentleman’, Sex vorenthalten hätten.“ Anschließend Selbstmord. In Kanada ein ähnlicher Fall, Anschlag mit Auto.

Es kann schon sein, dass auch diesbezüglich das Bedürfnis nach Totschweigen aufkommt, nach nicht-darüber-reden und Tabuisierung – ich bin natürlich wieder gegenteiliger Meinung; es geht wie immer darum, zu klären, womit man bzw. speziell Frau es zu tun hat, mit diesen Wahnsinnigen. Der Typ ist ohne Zweifel ein Extremist – aber ein Extremist inwiefern, ein Extremist wovon denn? Kann man aus dem Extremisten ev. etwas über die Normalität lernen? These: Der Irre ist ein radikales Endprodukt der bürgerlichen Gesellschaft, und weder „radikal“ noch „bürgerlich“ sind Komplimente oder Verharmlosungen. Zwei Momente sind herauszuarbeiten: Erstens: Was ist der Stellenwert, worin besteht die Bedeutung von Frauen – was ist das, eine „Frau“, in dem Weltbild? Für den Incel ist ganz klar: Ohne Frau, ohne Beziehung ist das Leben sinnlos, ohne Bedeutung, eine einzige Qual. [Ein Beispiel aus einer anderen Sphäre: Diese Stellung exemplarisch in den Worten von John Elway, des legendären Quarterbacks der Denver Broncos. Der wird gefragt „Ist die Superbowl das wichtigste?“ – „Nein, sie ist das Einzige!!“] Incel: Das ist die Verabsolutierung von Liebe, Beziehung, Sex, Frau zum Inbegriff des Sinnes des Lebens, zum Glück eben, zur Erfüllung schlechthin. Da hat einer nicht ein Interesse, ein Bedürfnis, also ein bestimmtes – und damit ein begrenztes – Anliegen neben anderen, sondern das ist das einzige, das zählt im Leben. Alles andere ist umgekehrt im Grunde genommen nichtig, unbedeutend, eine Last, unangenehme Verpflichtung, aber keine Erfüllung, belanglos. Ohne Beziehung ist das ganze Leben nichts wert, wüst und leer, sozusagen – also durchaus Grund genug, dem ein Ende zu setzen. Der Selbstmord ist da die adäquate Fortsetzung. Der Incel verkörpert eine radikale, abstrakt-negative Stellung zum restlichen bürgerlichen Getriebe: Beruf, sonstige Interessen, Hobbies, Bedürfnisse welcher Art auch immer – das taugt alles nicht viel oder gar nichts. Und das kann alles so bleiben, wie es ist – uninteressant, untauglich, unbedeutend, armselig. Aber dadurch, dass etwas dazukommt – im Wesentlichen eine Frau – dadurch ändert sich alles, dadurch kippt das freud- und trostlose Leben doch noch ins Positive. Und diese Stellung zur Welt, die ist keine individuelle Spinnerei, kein exklusiver Einfall des Incel. Die alltägliche Form, in der diese Stellung zur Grundausstattung bürgerlicher Lebensart gehört, die lautet: Die Familie ist das wichtigste!

Was den Incel zweitens als Fanatiker der bürgerlichen Lebensart kennzeichnet: Der anständige Mensch ist als solcher ein Rechte-Haber, als solcher hat einer nicht nur ein Bedürfnis, das auf Zustimmung oder Ablehnung treffen kann, sondern ein Recht auf Zuspruch von Frauen – dadurch ist er im Fall der Verweigerung das Opfer eines Verbrechens. Er war, sagt er – von Frauen – gezwungen, etwas zu erdulden, was die ihm angetan haben, eine freudlose Existenz, ihm wurde verweigert, was ihm seiner Ansicht nach zusteht; denn der Typ ist – sagt er, und in seinen Augen – der „perfekte Gentleman“, also genau das, was Frauen wollen, worauf Frauen durchaus einen Anspruch, ein Anrecht haben – weswegen aber er auch den komplementären Anspruch auf eine adäquate Resonanz hat. Das eine hat er also kapiert, sogar verinnerlicht, deswegen „bürgerliches Endprodukt“: Wenn man oder Mann etwas will, etwas haben oder erreichen will, dann braucht man das entsprechende Recht, dann muss man sich das, was man will, auch verdienen – aber wenn das gegeben ist, wenn man sich die Zuwendung, die Beziehung, die Frau verdient hat, dann gibt es kein halten, dann gilt das eigene Bedürfnis absolut, ohne Einschränkung. Und dann ist man das Opfer eines Verbrechens, wenn einem das vorenthalten wird, dann schreit diese himmelschreiende Ungerechtigkeit – aus der Sicht des Wahnsinnigen – nach Rache, und wenn es das letzte ist, was er tut, das Leben ist ja ohnehin sinnlos …
Diese zwei Momente – der absolute Stellenwert von Frau bzw. Beziehung als Inbegriff des Glücks, und die Vorstellung eines Rechtsanspruchs darauf – die sind Allgemeingut, die sind sehr „kulturell bedingte“ Phänomene, um es wie die Broschüre des Familienministeriums auszudrücken! Das ist keine esoterische, abgehobene Spinnerei eines Verrückten. Der extreme Ausnahmefall ist der „Incel“ insofern, weil er Rache an – im Prinzip – allen Frauen übt, die er für sein heulendes Elend verantwortlich macht. Insofern tatsächlich ein „Femizid“. Schon sehr nahe am Normalfall ist demgegenüber:

Ein spektakuläres Finale in Kitzbühel – Rache und Eifersucht

Ein etwas anderer Incel wurde damals aktiv: Es war nicht die Rache an „den Frauen“ schlechthin, sondern gemeint war eine bestimmte Frau, nämlich die Ex (plus Familie). Der übliche erste Einstieg in die Kommentierung war damals wieder einmal: Das sei unerklärlich, unfassbar, niemand hätte ihm das zugetraut, niemand hätte es für möglich gehalten. In der Berichterstattung über den Prozess wurde dann die Erklärung wieder aufbereitet:

Österreich: „Nadine und Andreas hatten sich abgöttisch geliebt, eine gemeinsame Zukunft schien ausgemachte Sache. Der Maurer zieht bei ihr im Elternhaus ein, die beiden bauen sich ihr eigenes Nest. Doch irgendwann wird es Nadine zu eng. Sie will raus … verliebt sich. Andreas ist zu diesem Zeitpunkt bereits ausgezogen, kämpft aber weiterhin um seine ‘Mausi’, wie er Nadine nennt. Als er das hübsche Mädchen abends zufällig mit dem Neuen in einem Lokal trifft, hält er es nicht mehr aus. Stunden später will er sie zu Hause zur Rede stellen. Doch Nadines Vater wirft ihn raus.“ (9.8.2020)
Krone: „Aus Eifersucht Familie ausgelöscht. 26-jähriger und seine Liebe galten als Traumpaar in Kitzbühel. Die beiden wollten heiraten, doch Beziehung ging in die Brüche. Ex-Freund sann auf Rache, fünf Menschen mussten sterben.“ (9.8.2020)

So richtig sensationell war damals nicht der Mord an der Ex, sondern die Ausdehnung auf die ganze Familie. Ein Polizist hat sich etwas verplappert, das wurde ihm übelgenommen, dabei hat er recht; dass eine Frau umgebracht wird, die sich trennen will oder getrennt hat, das passiert im Schnitt alle zwei Wochen, in Österreich. Die zwei wesentlichen Stichworte hier: Rache und Eifersucht, das ist die fast triviale Erklärung des Unerklärlichen. Rache ist das Bedürfnis nach Gerechtigkeit, Vergeltung für erlittenes Unrecht, als individuelles Bedürfnis. Das widerspricht heutzutage dem staatlichen Gewaltmonopol – mein ist die Rache, spricht bekanntlich der Rechtsstaat. Das spezielle Unrecht, das der Rächer im gegenständlichen Fall ahndet, das empfindet er als Eifersucht. Denn er hatte, nach seinen und den Maßstäben seiner Kultur, alles richtig gemacht, er hat seine Leistungen bzw. Vorleistungen gebracht: Er war für sie da. Hat ein Nest gebaut, und so weiter – wobei dieses „für sie da sein“ von einem totalen Kontrollanspruch schwer zu unterscheiden ist. Er wollte sie angeblich auch an die Kette legen, durch ein Kind. Dafür hat er sich seiner Ansicht nach – und auch das ist keine verirrte, bloß individuelle Spinnerei – den moralischen Anspruch erworben, dass sie es gegenüber ihm gefälligst genauso hält. Dann wollte sie nicht mehr „für ihn da sein“ – das hat er nicht verkraftet. Und dieses „es nicht verkraftet zu haben“ ist übrigens wieder keine Rechtfertigung oder Verharmlosung; auch das sollte man nicht totschweigen, sondern das ist wie immer zu erklären.

Eifersucht – im Unterschied zum Liebeskummer

Zuerst zum Liebeskummer: Nun ja, wenn sich einer in die Vorstellung „hineinsteigert“, ohne seine „Traumfrau“ nicht leben zu können, dann geht es ihm u.U. hundsmiserabel, wenn daraus nichts wird: Das bricht ihm das Herz, wie es heißt. So fühlt er sich zumindest. Die ganz radikale Variante endet u.U. auch tödlich, aber da ist die übliche Folge der Selbstmord. Ansonsten: Dieser Kummer enthält ja auch das Eingeständnis, dass da nichts zu machen ist. Liebe ist ein freies Verhältnis, wenn die / der andere nicht mehr mag, da ist man beschissen dran, aber das war es dann, da gibts nichts zu verlangen, und das dauert genau so lange, bis es vorbei ist.

Woher hingegen die Wut, der Hass, die Verbitterung, im Rahmen der Eifersucht? Im Unterschied zum Leidenden am Liebeskummer macht der Eifersüchtige ein schuldhaftes Verhalten für sein Leiden verantwortlich – sie ist schuld, es liegt an ihr, was beim Liebeskummer in der Regel nicht der Fall ist. Soll heißen, sie ist nicht nur beteiligt an seinen unerträglichen Zuständen, indem er sie vergöttert, es liegt nicht nur an ihr, weil sie halt nicht will; sie handelt auch noch, das ist schließlich der Gehalt von „Schuld“, quasi widerrechtlich, sie tut ihm ein Unrecht an. Dadurch gewinnt übrigens schon das Leid selbst einen ganz anderen Charakter – es ist eben nicht nur sein individuelles Elend, sein Kummer, sondern da fühlt sich ein rechtschaffener Mensch als das Opfer eines Verbrechens an ihm; sie bleibt ihm etwas schuldig. Und zwar etwas, was ihm nach den sittlichen Maßstäben seiner Community u.U. womöglich zusteht, und das ist wieder keine individuelle Macke, sondern anerkannt. Sie war der Volltreffer, die Traumfrau, das Einzige. Das Glück eben – und er war für sie da, er hat alles für sie getan, wie sich das gehört. Sie aber nicht mehr.

Das führt uns zum nächsten Punkt, nächste Woche: Recht, Pflicht, Unrecht, Strafe und Gewalt im Liebesleben: Die Ehe – ein Vertrag