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Sendung vom 05.10.2006 20:00:

Jeunesse Festival 2006 - Soundpieces von Charles Curtis für »Ultra White Violet Light«

Simultaneous sound pieces for cello, sine waves, drones, text and pre-recorded loops (2000-2006)

Ultra White Violet Light – Musik von Charles Curtis

Der amerikanische Cellist Charles Curtis, Absolvent der renommierten Julliard-Kaderschmiede von Spitzenmusikern in New York, ist einer d e r Interpreten experimentell-zeitgenössischer Musik und vor allem für seine exemplarischen Interpretationen von Kompositionen La Monte Youngs, Alvin Luciers, Eliane Radigues oder auch Morton Feldmans bekannt. Als Solist auch klassischer Literatur international gefragt und Partner von Dirigenten wie Previn, Gardiner, Wand und Eschenbach war Curtis auch über Jahre Solo-Cellist des NDR Symphonieorchesters in Hamburg, unterrichtete an der Princeton University und ist seit 2001 Professor für zeitgenössische Aufführungspraxis und Cello an der University of California in San Diego. Curtis eigene Werke reflektieren seine frühe Verbindung mit der New Yorker Underground-Rock-Szene der frühen 80er Jahre (King Missile, Bongwater, Dogbowl) und natürlich auch mit seinem großen „Lehrmeister“ La Monte Young. Im Gegensatz zu einem Großteil klassisch-zeitgenössischer Musik, die vermehrt Elemente etwa des Rock oder Pop als kulturell, politisch oder konzeptuell interessante Versatzstücke in Kompositionen mit einbezieht, unterscheidet Curtis nicht zwischen den Quellen oder Genres, aus denen er sein musikalisches Material bezieht, sondern schafft ein genuin hybrides Werk, dessen Vokabular und strukturelle Bedingtheiten aus rein kritisch formalen Überlegungen bestimmt wird.

Charles Curtis „Ultra White Violet Light“ spielt mit der Erfahrung simultaner, aber asynchroner Wahrnehmung. Eine Vielzahl narrativer und voneinander unabhängiger musikalischer Elemente bildet das Material für eine schier unendliche Anzahl an Kombinationen, Reihenfolgen, Überlagerungen, Dichten, Intensitäten. Ultra White Violet Light schließt sich dabei einerseits an John Cages Philosophie der Unvorhersehbarkeit und des Zufalls an, folgt andererseits aber auch dem Vorbild La Monte Youngs im Sinne einer Suche nach implizierten, wenn auch unerwarteten Verbindungen aufgrund bestehender, inhärenter Beziehungen (wie etwa harmonikaler Serien). Diese gilt es zu entdecken, zu enthüllen. Zeit und zeitliche Ordnungschemata sind dabei obsolet geworden, sind reine Illusion, zumal diese Verbindungen ohnedies zu jedem Zeitpunkte existieren. Der Zustand der Enthüllung beziehungsweise die Fähigkeit, in diese Koexistenzen und Beziehungsgeflechte einzutauchen, in Trance zu geraten, korreliert mit der persönlichen Kraft und Fähigkeit jedes einzelnen, diese Illusion zu durchbrechen.

Ultra White Violet Light, erschien zuerst als Doppel-LP, dann Doppel-CD, die gleichzeitig auf bis zu vier Stereo-Systemen abgespielt werden kann – je nach Wunsch und Entscheidung des Hörers. Die einschlägige Musikzeitschrift „The Wire“ bezeichnete sie als „one of the most treasured sound art pieces in recent years.“ Als Installation und Performance bietet Ultra White Violet Light ein Maximum an Flexibilität und Kombinationsmöglichkeiten. Sinus-Wellen, komplexe Figurationen am Cello, gesprochene Texte und gesampelte drum/bass/guitar-patterns (Muster) fließen ineinander. Die Textur erscheint zwar - im großen betrachtet – „statisch“, im Detail entpuppt sie sich jedoch als höchst feinnervig und -strukturiert.


Eliane Radigue: Naldjorlak (2005) für Cello Solo

Naldjorlak, in Kollaboration mit Charles Curtis entstanden, ist eine rein akustische Komposition einer Komponistin, deren Name untrennbar mit elektroakustischer Musik verbunden ist und die hiermit nach mehr als 3 Jahrzehnten ihr erstes Werk für ein akustisches Soloinstrument schrieb. Radigue studierte in den 50er Jahren unter Pierre Schaeffer und Pierre Henry am RTF und galt jahrzehntelang selbst als Pionierin rein elektronischer Musik und Sounds – als Klangquelle dienten ihr vor allem ein Arp Synthesizer und medium recording tape. Der tibetanische Titel des Werks erklärt sich aus Radigues Konvertierung zum tibetanischen Buddhismus in den 70er Jahren und bezeichnet, dass die Bewegung allen Lebens in Richtung Vereinigung strebt. Die an sich dreiteilige Komposition stellt sich bruchlos und eng verwoben als ein ganzes dar, die hörbare „Form“ spiegelt die Geographie und Form des Cellos – vom Wirbel bis zum Stachel - wieder. Delikat in seiner dynamischen Bandbreite und Qualität lotet die Komposition höchst diffuse (Eigen-)Texturen des Instruments aus, die sich einer scharfen Fokusierung und klaren Wahrnehmung entziehen: der versteckte, nicht zu bändigende Ur-Klang des Cellos entpuppt sich als eine extrem instabile und komplexe Quelle ...
Naldjorlak erfuhr durch Charles Curtis bereits in Städten wie New York, Los Angeles, Paris, Köln und Hamburg akklamierte Aufführungen. The Wire schrieb etwa über die Pariser Premiere: „nothing short of a triumph … pure Radigue: a deceptively simple but extraordinarily beautiful exploration of the natural behaviour of sound.“ Und Radigue, jüngst Gewinnerin der Golden Mica der Ars Electronica 2006 in Linz, wiederum wird in der New York Times beschrieben als “a steady stream of sonic activity taking place right at the edge of ones perception.” Qualitäten intensiver Konzentration, Fokussierung und Auflösung eines vermeintlichen “Selbst” machen so die ganz spezielle Spiritualität Radigscher Musik aus.

(Charles Curtis/Ute Pinter)