Medienvielfalt ist keine Nebensache

Ende November kam der Schock: Bettina Emmerling, Stadträtin der NEOS, kürzt die Förderung für ORANGE 94.0 – das Freie Radio in Wien drastisch. Ab 2027 sieht die Stadträtin ORANGE 94.0 nicht mehr in ihrem Ressort angesiedelt. Das ist existenzgefährdend für das Freie Radio in Wien. Diese Entscheidung ist ein politischer Fehler und ein problematisches kultur- und demokratiepolitisches Signal. Die Kürzung ist umso unverständlicher als eine neue qualitative Studie im Auftrag der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH (RTR) die demokratiepolitische Bedeutung Freier Radios und Community-TV für Teilhabe, Medienkompetenz und gesellschaftlichen Diskurs hervorhebt.

Radio für Alle

ORANGE 94.0 ist ein offenes Beteiligungsmedium zum Mitmachen. 2025 waren rund 800 Radiomachende mit 7.600 Gästen on air und somit an der redaktionellen Gestaltung des täglichen 24-Stunden-Radioprogramms in 22 Sprachen beteiligt. Die Sendungen spiegeln die Vielfalt Wiens wider – von sudanesischen Aktivist:innen über Volkschüler:innen, die zum ersten Mal on air sind, bis zu einer Grußsendung speziell für Häftlinge in österreichischen Gefängnissen.

ORANGE 94.0 ist das Sprachrohr für Gruppen in Wien, die keine Lobby haben“, erklärt Obfrau Susi Haslinger. Tatsächlich füllt ORANGE 94.0 eine Repräsentationslücke, die in klassischen Medien seit Jahren beklagt wird. „ORANGE 94.0 ist seit Sendestart ein Medium, das diese Lücke schließt.“, erklärt Alexis Neuberg von Radio Afrika International. Auch für queere Communities hat das Radio eine besondere Bedeutung. „Wo sonst machen intergeschlechtliche, trans* und nicht-binäre Menschen Radio und werden selbstbestimmt in der Öffentlichkeit sichtbar?“, sagt Radiomacher:in Leo Söldner. Darüber hinaus ist das Freie Radio in Wien eine unverzichtbare Plattform für Kunst und Musik. „Radio löst das Demokratieversprechen von Kunst und Kultur ein. Nirgendwo sonst wird so viel über die kulturelle Vielfalt in Wien berichtet“, sagt Vera Wolf von der IG Kultur Wien. 

Beteiligung braucht Organisation – und Organisation braucht Finanzierung

Damit ORANGE 94.0 fortbestehen kann, ist eine verlässliche Kernbetriebsförderung unerlässlich. Radiobetrieb bedeutet kontinuierliche Koordination, Technik, Ausbildung und Betreuung. Von bisher 13 Teilzeitangestellten müssen nun ab Ende März vier Personen gehen, die verbleibenden Kolleg:innen arbeiten mit drastisch reduzierten Stunden.

Dadurch fallen zentrale Angebote weg: Innovationen im Programmbereich sowie digitale Entwicklungsprojekte können vorerst nicht weitergeführt werden. Auch in der Community-Arbeit wird es Einschränkungen geben – das aktive Zugehen auf Communities sowie die Akquise neuer Radiogruppen sind derzeit nicht möglich. Infoabende als niederschwelliges Angebot, um ORANGE 94.0 kennenzulernen, Radioführungen sowie Ausbildungsangebote wie schulpraktische Tage und Praktika entfallen. Kooperationen und Programmschwerpunkte können nur noch eingeschränkt umgesetzt werden. Insgesamt bedeutet das weniger Workshops, weniger Begleitung, weniger Innovation – kurz: weniger Teilhabe.

Aktive Medienbildung in Zeiten von Desinformation und Demokratieverdrossenheit

Als Beteiligungsmedium ist Medienbildung und die Vermittlung von aktiver Medienkompetenz einer unserer Kernbereiche“, betont Geschäftsführerin Ulli Weish. Gerade in Zeiten von Desinformation und Demokratieverdrossenheit ist das Sparen an einem offenen Beteiligungsmedium ein fatales Signal. „Viele Jugendliche verstehen erst, was Radio ist, wenn sie im Studio stehen, die Regler bedienen und mit Kopfhörern am Ohr ins Mikrofon sprechen“, so Trainer Mischa G. Hendel. Der Blick hinter die Kulissen der Medienproduktion und die Möglichkeit, sich selbst im Radio zu hören, stärkt die Medienkompetenz und hat ein selbstermächtigendes Moment.

Eine Stadt, die Vielfalt, Kultur und demokratische Teilhabe ernst nimmt, sollte ihr offenes Radio nicht als Kostenfaktor betrachten, sondern als festen Bestandteil ihrer demokratischen Infrastruktur.